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Kriegszeiten

Verglichen mit dem Brand, der nur gut zweieinhalb Jahre später ausbrechen, am 9. April 1940 auch auf Norwegen übergreifen und das ganze Land erfassen sollte, waren die Flammen des Jahres 1937 kaum mehr als ein schwaches Flackern - gemessen an dem, was folgen sollte.

Der Zweite Weltkrieg erreichte Norwegen - das, abgesehen von Verlusten in der Handelsschiffahrt und Versorgungsengpässen, vom Krieg 1914-18 relativ unberührt geblieben war - am 9. April 1940. In der Nacht vom 8. zum 9. April drangen deutsche Kriegsschiffe in die norwegischen Hoheitsgewässer ein, und in den Morgenstunden des 9. besetzten deutsche Truppen im Rahmen einer militärischen Operation, die den Decknamen "Unternehmen Weserübung" trug, das Land an mehreren Stellen, um es erst am 8. Mai 1945 wieder zu verlassen. Diese fünf Jahre unter deutscher Besetzung haben tiefe Spuren in Land und Bevölkerung hinterlassen. Auch heute noch, mehr als 50 Jahre nach Kriegsende, findet man an vielen Stellen die Hinterlassenschaften des Krieges - Stollen, Bunker, Kanonenstellungen, und wenngleich diejenigen, die jene Zeit bewußt miterlebt haben, naturgemäß immer weniger werden, ist dieser düstere Abschnitt in der langen und wechselvollen Geschichte Norwegens auch bei jüngeren Menschen lebendig.

Bevor ich das erste Mal nach Norwegen reiste, wurde ich von "wohlmeinenden" Bekannten gewarnt, daß man als Deutscher nicht sonderlich willkommen sei - eben wegen der Kriegsjahre. Um es ganz kurz zu machen: Ich habe zu keiner Zeit und bei keinem meiner vielen norwegischen Gesprächspartner das Gefühl gehabt, mit einem Makel behaftet zu sein; selbst dann nicht, wenn die Familie persönlich unter der deutschen Besetzung gelitten hatte.

Drei Beispiele mögen dieses belegen:

Im Jahre 1974 war ich zusammen mit meinen Eltern in Harstad auf Vesterålen. Wir wohnten<1> bei einem Ehepaar, dessen beide Söhne in den Kämpfen um Narvik gefallen waren. Unweigerlich kamen wir in unseren Unterhaltungen auch auf den Krieg zu sprechen, und immer wieder wurde uns versichert, daß man uns gegenüber keinerlei Ressentiments hege.
Etwas später im selben Jahr befand ich mich auf der Fähre von Svolvær auf Lofoten nach Skutvik. Dabei kam ich mit einem älteren Mann ins Gespräch, der ebenfalls bei Narvik auf norwegischer Seite gekämpft hatte, mir fast während der ganzen Überfahrt (immerhin zwei Stunden) davon erzählte und - zu meiner großen Verwunderung - sich über die gute Kameradschaft der deutschen Soldaten äußerte.

Im darauffolgenden Jahr wohnten wir in Tromsø bei einem Mann, dessen Vater am aktiven Widerstand teilgenommen hatte und deshalb starken Repressalien ausgesetzt gewesen war. Unter anderem war er mehrfach von der Gestapo verhaftet und mißhandelt worden - doch selbst hier haben wir eine Unvoreingenommenheit und Freundlichkeit erfahren können, die mich heute noch beeindruckt.

Andererseits hat mir eine Bekannte erzählt, sie habe vor etwa zwanzig Jahren in der Nähe von Larvik versucht, auf einem Campingplatz eine Hütte zu mieten. Als man gemerkt habe, daß sie Deutsche sei, sei plötzlich alles belegt gewesen, obwohl man habe sehen können, daß einige Hütten leer standen...

Ich will an dieser Stelle keine Geschichte des Zweiten Weltkrieges in Norwegen verfassen, der üblicherweise (und nahezu ausschließlich) mit dem Namen Narvik in Verbindung gebracht wird, doch einige Streiflichter auf andere Kriegsereignisse werfen, die weniger bekannt sind.

Wer ist sich zum Beispiel dessen bewußt, wenn er im Oslofjord die Enge bei Drøbak passiert, daß ganz in der Nähe das Wrack des Kreuzers "Blücher" liegt, der, als Teil der deutschen Invasionsflotte, durch Artillerie- und Torpedobeschuß der Festung Oscarsborg versenkt wurde?<2> Mehr als 1.000 Soldaten fanden dabei den Tod, und das Wrack stellt immer noch eine Umweltgefahr ersten Ranges dar. Weil fortschreitende Korrosion die Gefahr des Austritts von Öl immer größer werden ließ, wurden im Jahre 1995 die äußeren Bunker geleert und mehr als 1.500 Tonnen Öl abgepumpt. Doch die inneren Bunker, schwer zugänglich und mit unbekanntem Inhalt, rosten immer noch vor sich hin...

Wem sagt der Name Telavåg (auch: Tælavåg) in der Gemeinde Øygarden bei Bergen etwas? Im Jahre 1942 wurden bei Kämpfen mit Soldaten der Kompanie Linge zwei Gestapo-Offiziere getötet. Als Vergeltung machten deutsche Truppen Telavåg dem Erdboden gleich, deportierten die gesamte männliche Bevölkerung nach Deutschland, wo 31 von ihnen umkamen, und erschossen 16 Männer aus Ålesund. Frauen und Kinder wurden in Framnes bei Norheimsund interniert.<3>

Wer denkt, wenn er auf der E 6 durch Kvam in der Gemeinde Nord-Fron fährt, daran, daß hier im Jahre 1940 die heftigsten Kämpfe im Gudbrandsdal getobt haben? Britische und norwegische Kräfte hielten den deutschen Vormarsch mehrere Tage auf, konnten aber ohne Artillerie- und Luftunterstützung gegen die starken deutschen Bombardierungen nichts ausrichten.<4>
Wer weiß, daß im April 1940 in Åndalsnes 6.000 britische Soldaten an Land gingen und ohne Luftunterstützung, Artillerie und Panzer ins Gudbrandsdal in Marsch gesetzt wurden? Bei nachfolgenden Bombardierungen des Ortes wurden 160 Häuser zerstört.
<5>

Wem ist bekannt, daß am 17. Dezember 1941 ein britisches Kommandounternehmen gegen Måløy stattgefunden hat? Bei den heftigen Kämpfen fiel Kapitän Martin Linge, Kommandierender der norwegischen Truppen, und der Ort wurde weitgehend zerstört.<6>

Und wer vermag sich schließlich vorzustellen, wenn er an einem schönen Tag die Aussicht von Hammaren genießt oder mit dem Boot draußen ist, welche strategische Bedeutung die Umgebung einmal gehabt hat, und daß selbst in dieser friedlichen Gegend deutsche Truppen stationiert waren und Kämpfe stattgefunden haben?

Die damalige Bedeutung beruhte auf dem Umstand, daß die Gewässer um Åram und Haugsholmen als Ankerplatz deutscher Geleitzüge benutzt wurden, die sich hier sammelten, um im Schutze der Dunkelheit Stadlandet zu umrunden. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, daß auch an Land Befestigungen errichtet wurden, doch deren Ausmaß ist bemerkenswert: Die Zahl der registrierten militärischen Objekte in Sunnmøre ist mit 819 in Ålesund am größten, unmittelbar gefolgt von der Gemeinde Sande mit 227<7>. Ich will mich hier nicht allzusehr in Einzelheiten<8> verlieren, aber doch etwas näher auf die am nächsten an Sandvik gelegenen militärischen Anlagen, nämlich diejenigen in Kobbevik<9> eingehen, um deren Umfang zu verdeutlichen.

In Kobbevik war eine Küstenbatterie stationiert, die im Juni 1941 gefechtsbereit war und deren Hauptbewaffnung während der gesamten Kriegsdauer aus vier 10,5-cm-Kanonen bestand. Hinzu kamen (per März 1945) 7 Luft- und Panzerabwehrgeschütze, 7 Maschinengewehre, 3 Granatwerfer und 20 Flammenwerfer. An Bauwerken sind neben den Geschützstellungen 13 Bunker und 2 Minenfelder erwähnenswert. Das alles war überwiegend am Berghang errichtet; darüber hinaus gab es einen Kai, der nach dem Kriege von der Gemeinde übernommen und später abgerissen wurde. Insgesamt sind 63 Objekte der verschiedensten Art registriert worden.<10>

Im Vergleich zu der starken Bewaffnung liest sich die Liste der Kampfhandlungen<11>, an denen die Batterie teilgenommen hat, dagegen eher bescheiden:

20. Mai 1943
Beschuß eines vorbeifliegenden Flugzeuges. Kein Treffer beobachtet.
1. Juni 1944
Beschuß alliierter Flugzeuge, die einen Konvoi bei Kvamsøya angreifen.
12. September 1944
Beschuß alliierter Flugzeuge, die Minen legen, mit 2 10,5-cm- und 100 2-cm-Granaten.
14. Oktober 1944
Beschuß alliierter Flugzeuge mit 11 10,5-cm- und 226 2-cm-Granaten. Der Batterie wird ein Abschuß zuerkannt.
13. Dezember 1944
Beschuß alliierter Flugzeuge mit 222 2-cm-Granaten. Bei einem Flugzeug wird Rauchentwicklung beobachtet.

Trotzdem haben in der Gegend von Hakallestranda zum Teil heftige Kämpfe stattgefunden, wie wir auf den folgenden Seiten lesen werden.



<1> Eine nette Episode dazu: Um zu unserem Quartier zu gelangen, bedurfte es einer Wegbeschreibung, die damit endete, daß wir nach einem blauen Haus Ausschau halten sollten. Mit dem Weg selbst gab es keine Probleme - aber: kein blaues Haus weit und breit. Plötzlich wies meine Mutter auf ein braunes Haus und sagte, das müsse es sein. Und richtig: Am Giebel, an dem eine Leiter lehnte, fanden sich in der obersten Spitze noch einige blaue Bretter - der Eigentümer war mit dem neuen Anstrich fast fertig... [Zurück]
<2> Vgl. Ruge, Otto, Krigens dagbok. Andere verdenskrig i tekst og bilder, 1995, Bd. 1, S. 312 ff. [Zurück]
<3> Vgl. NAF veibok 1992 (NAF), 295. Ich bin vor etlichen Jahren einmal in Telavåg gewesen, und ich muß einräumen, hier zum ersten und einzigen Mal in Norwegen ein unbehagliches Gefühl gehabt zu haben - völlig unbegründet, wie ich erfahren durfte. [Zurück]
<4> Vgl. NAF, 43. [Zurück]
<5> Vgl. NAF, 87. [Zurück]
<6> Vgl. NAF, 114. [Zurück]
<7> Flatmark, Jan Olav, Sunnmøre i Festung Norwegen. En oversikt over tysk virksomhet 1940-45, Lesja 1994, S. 19. [Zurück]
<8> Dazu Flatmark, S. 61 ff. [Zurück]
<9> Vgl. Flatmark, S. 68 ff. [Zurück]
<10> Vgl. Flatmark, S. 71. [Zurück]
<11> Flatmark, S. 69. [Zurück]

Erstellt: 29. August 2000 - Letzte Änderung: 24. Dezember 2000 God Jul! *<:-{)}