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1940-45: Aus Kriegsjahren

Wie haben nun die Menschen von Hakallestranda und in der Umgebung den Krieg, die deutsche Besetzung und die Kämpfe erlebt? Das können sie nur mit ihren eigenen Worten berichten. Zunächst erinnert sich Harald Molvik:<1>

Mehr als 50 Jahre sind seit den Kriegstagen vergangen. Zeiträume und Erinnerung passen nicht immer so gut zusammen, so daß vieles dabei ist, weggewischt zu werden, was wert wäre, für die Zukunft bewahrt zu werden.
Wie alle wissen, kam der Krieg im April 1940 in unser Land. Nun dachten wohl viele, daß wir hier draußen von diesen Weltereignissen wenig zu sehen bekommen würden. Aber unsere Gegend gehört zu den westlichsten Abschnitten der Küste und lag daher strategisch günstig für den Bau von Befestigungen gen Westen - gegen England, den Hauptfeind der Besatzungsmacht.
Ich kann mich gut an den Abend des 8. April 1940 erinnern. Mein Bruder, Ragnar, der sich mit vielem beschäftigte, hatte mir einen Kristallempfänger gebaut. Dieser wurde eifrig benutzt. An diesem Abend konnte er von merkwürdigen Dingen berichten, die sich in den letzten Tagen längs der norwegischen Küste ereignet hatten. Deutsche Schiffe, die vor Sørlandet versenkt worden waren, hatten Pferde und Soldaten an Bord. Was sollte das bedeuten?

Das alles waren selbstverständlich nur Vorboten. Einige Tage später waren mein Pflegevater und ich mit einigen kleineren Arbeiten am Bootshaus beschäftigt. Es war spät am Tage. Die Abende wurden länger und heller, es war April, und der Frühling im Kommen. Mit einem Mal hörten wir das Dröhnen eines Flugzeuges, etwas, was zu jener Zeit eher ungewöhnlich war. Und als wir aufsahen, konnten wir es erkennen - hoch, hoch oben und mit Nordkurs entlang der Küste. Sunnmørsposten meldete später, daß das Flugzeug gesehen und gehört worden sei, aber die norwegischen Streitkräfte verfügten nicht über Flugzeuge, die so hoch fliegen konnten. Es war sicher ein deutsches Aufklärungsflugzeug, das nachsehen sollte, ob alles klar für die Invasion war.
Am Morgen des 9. April fuhr ich mit dem Fahrrad in nördlicher Richtung nach Krakset zum Laden von Andreas, der ein Telefon hatte. Es ging darum, daß wir ein Kalb hatten, welches wir an den Schlachter Asbjørnsen in Ålesund senden wollten. Drinnen im Laden stand Andreas und sah noch düsterer aus als sonst. Ich brachte mein Anliegen vor - ob ich Asbjørnsen anrufen und ihm sagen könnte, daß das Kalb in den nächsten Tagen mit dem Schiff angeliefert werde. Doch an diesem Tage könne niemand das Telefon benutzen, meinte Andreas, "for i dag er det krig"
<2>, wie er sagte, und erzählte, was er sicher durch das Telefon erfahren hatte - daß deutsche Truppen in Norwegen eingedrungen und in allen wichtigen Küstenstädten an Land gegangen waren.

In den folgenden Tagen geschah viel. Alle Männer im entsprechenden Alter wurden zum Kriegsdienst einberufen - sicherlich eine traurige Nachricht für alle, die sich von ihren Nächsten verabschieden mußten. Aber es dauerte nicht so lange. Zu allem Glück kamen alle nach einigen Wochen zurück, und noch wurde niemand aus unserer Gegend vermißt.
Der Kristallempfänger hielt den Kontakt mit der großen Welt. Eines Tages konnte Vigra eine große deutsche Luftflotte melden, die auf dem Weg nach Norden war - wohl aus Bergen kommend. Die Meldung wurde auf englisch verlesen, berichtete, daß mehr als 20 Flugzeuge Sognefjorden passiert hätten und war wohl als Warnung für britische Kriegsschiffe gedacht, die an die norwegische Küste gekommen waren. Nicht lange danach hörte die Sendung aus Vigra auf. Wir erfuhren später, daß der Sender bombardiert und zerstört worden war. Einige Zeit, nachdem die Kriegshandlungen in Norwegen geendet hatten, ging der Sender wieder in Betrieb.

In der Schule bekamen sie auch diese Meldung, wohl über Telefon. Bei Anders Kragset war eine Telefonzentrale. Und eines Tages kam Signe, die Tochter des Hauses, und berichtete davon dem Lehrer, und alle Schüler wurden in den Keller geschickt. Der Unterricht wurde noch einige Tage im Frühling fortgesetzt. Doch an einem Tag im Mai, kurz vor Beginn der Sommerferien, klopfte es an der Tür, draußen stand ein deutscher Offizier, teilte mit, daß das Schulhaus zur Einquartierung von Soldaten requiriert sei und daß die Schüler es verlassen müßten.

Lehrer Bernhard Flatøy kam wieder herein und sagte uns, daß wir unsere Sachen packen und nach Hause gehen sollten, erzählt eine Schülerin von damals, Petra Rosnes Nystøyl. Sie kann sich nicht genau daran erinnern, wann die Schule nach Lothestova umzog. (Der Hof hat seinen Namen nach Aslak Lothe bekommen, der 1853 dorthin gekommen war). Es ist wohl am meisten wahrscheinlich, daß die Schule dort ab Herbst 1941 stattfand. (Sandvik, Gebäude Nr. 4).

Es verging ungefähr ein Jahr, bevor sich die Besatzer in dieser Gegend zeigten. Es muß wohl im März/April 1941 gewesen sein, als es zum ersten Mal geschah. Es war ein Sonntag mit schönem Wetter, so weit ich mich erinnern kann. Unser Nachbar, Andreas Halsebakke, der oft zu einem Gespräch zu uns kam, war gekommen, um die Post zu holen. Es hatte sich so ergeben, daß in jenen Tagen fast so etwas wie eine Poststation war. Kvie-Nikolai (Nikolai Molvik) kam mit dem Fahrrad und brachte die Post von Sørbrandal. Ich kann nicht sagen, wie oft, aber am Samstagabend kam er, und oft so spät, daß die Post bei uns bis zum Sonntagmorgen in der Küche lag und die Nachbarn kamen, um ihre Zeitungen und Briefe zu holen.

An diesem Sonntag bemerkten wir ein "handelsreisande-båt"<3>, das nördlich von Krakset in südlicher Richtung herangeschossen kam. Es waren nicht viel andere als Handelsvertreter, die sich in solchen luxuriösen Booten zeigten. Wir waren es gewohnt, daß sie zu Johannes Rønnestad fuhren, der einen Landhandel hatte, oder vielleicht ganz bis Fiskå oder Leikanger auf Stad. Doch als der Krieg gekommen war, verschwanden diese Boote vom Fjord - sie waren wohl von den Deutschen beschlagnahmt worden.

Das Boot hielt unter Halseland an, und einige Männer stiegen in das Beiboot und ruderten ans Ufer. Und wir sahen schnell, was für Leute da kamen, um sich umzusehen. Andreas und ich gingen den Weg entlang, um zu sehen, was sie wollten. Und bei Halse-Reset trafen wir die Gruppe. Es waren "huekarer"<4>, wie wir sagten, also Offiziere. Sie grüßten nett und höflich, aber sahen uns sonst wohl eher gering an.

Dies war das erste Mal, daß sich im Süden unserer Gegend zeigten. Wahrscheinlich hatten sie bereits Bergsnevet als geeigneten Platz für einen Stützpunkt ausgewählt und waren nun auf dem Weg dorthin.
Was weiter aus ihnen wurde, daran kann ich mich nicht erinnern. Aber nun dauerte es nicht mehr lange, und weitere folgten. Sie benutzten den Kai in Brandal, kamen mit Pferden, Wagen und Kanonen und machten sich auf den Weg nach Hakallestranda. Und dieses Datum steht fest. Nach dem, was Gudrun Nystøyl erzählt, geschah es genau an dem Tag, an dem Enok Halsen Kobbevik 70 Jahre alt und auf Krakset ein neuer Bürger zur Welt kam. Dies war Lisje-Knut, Knut Knutsson Kragset, und das Datum war der 13. Mai 1941.

Die Deutschen hatten sich noch nicht richtig auf Bergsnevet mit Kai und Weg zur See eingerichtet. Und eines Tages kam ein neues Boot nach Halselandet. Und wir waren nicht mehr länger im Zweifel, wer da kam, also galt es, sich in acht zu nehmen.
Es war, wie wir uns erinnern, streng verboten, so etwas wie Waffen zu besitzen. Nicht nur Büchsen und Militärgewehre, sondern auch Schrotflinten und alles, mit dem man schießen konnte. Nun war es so, daß wir eine alte Schrotflinte hatten, irgendwann hergestellt von Büchsenmacher Myklebust in Nordfjordeid. Mein Pflegevater, Kornelius Molvik, hatte sie seinerzeit gekauft, als er dort auf "eksisen"
<5> war. Wegen ihres ungewöhnlich langen Laufes war sie ein besonderer Anblick, kann ich mich erinnern. Die Flinte findet sich heute noch in Molvika (Grundstück Nr. 2).

Wir hatten wenig Lust, sie abzugeben, und versteckten sie gut. Bei Lars Rosnes fand sich auch ein Gewehr, eine alte Remington-rifle<6>, die Lars bei sich hatte, als er nach Sandvika kam (Grundstück Nr. 9). Dieses Gewehr hatte ich vor einer Weile ausgeliehen und noch nicht zurückgegeben, als der Krieg 1940 ausbrach. Jetzt galt es also, beide Waffen so gut wie möglich zu verstecken.

Wie alle anderen, stachen auch wir jetzt im Frühjahr Torf. Einer unserer Torfstiche befand sich unter Jostøylurdene, und dort gab es gute Verstecke in Steinhöhlen. Wir packten die Gewehre gut in Segeltuch ein - Plastik gab es noch nicht -, nahmen sie auf unserem Weg in das Torfmoor mit und versteckten sie gut.

Ab und zu ging ich nach den Gewehren und ihrem Zustand sehen. Aber es dauerte nicht lange, bevor wir merkten, daß sie zu rosten begannen. Pflanzen und Erdhöhlen eignen sich wohl nicht besonders für die Aufbewahrung von so etwas. Damit wurden die Gewehre denselben Weg zurückgetragen und oben im Sommerstall versteckt. Aber im Nachhinein fanden wir, daß sie auch da nicht sicher wären. Mein Pflegevater nahm sie dann zusammen mit ein paar Stöcken auf die Schulter und trug sie hinunter ins Haus. Und zum Schluß landeten sie unter dem Boden der Scheune, wo sie trocken und sicher lagen, wie wir meinten.

Da lagen sie auch noch, als die Deutschen an Land kamen. Du sollst sehen, sie sind unterwegs, um nach Waffen zu suchen, dachten wir. Wir hatten solche Gerüchte von anderen Orten gehört. Hier war guter Rat teuer. Ich davon und die Gewehre geholt. Sprang so schnell ich konnte in nördlicher Richtung und entlang des Zaunes zum Nachbarn (Grundstück Nr. 7), wo ich sie in einem Loch zwischen den Pflanzen versteckte. Wenn sie nun kämen und sie dort fänden, wäre es leichter, davonzukommen, als wenn sie unter dem Scheunenboden lägen.

Ich bezog dann Stellung oben am Bodenfenster und wollte sehen, wie es weiterging. Ja, es dauerte nicht lange, bevor die Kerle kamen. Sie hatten einen großen schwarzen Hund dabei. Er sprang nach Hundeart voraus, wieselte hierhin und dahin und schnupperte an allem. Und nun sollst du nur sehen! Mit der Nase am Boden sprang er genau an die Stelle, an der ich bei der Höhle mit den Gewehren gestanden hatte. Es lief mir kalt den Rücken hinunter, das kannst du wissen. Nun war der Teufel los, denn jetzt kamen die Männer. Aber ich kam mit dem Schrecken davon. An diesem Tage waren sie wohl nicht zu jenem Zweck unterwegs. Sie sahen nicht zur Seite, hasteten nur in nördlicher Richtung weiter, und der Hund hinterher, und ich konnte erleichtert aufatmen.

Das meiste von dem, an das ich mich so lange zurück erinnere, kann schwierig zeitlich bestimmt werden. Aber einiges ist an besondere Ereignisse geknüpft, und es ist leicht, Jahr und Datum festzustellen.

Es war der 22. Juni - also veslejonsokafta<7> 1941. So zeitig im Krieg wohnten noch Deutsche hier und da in der Gegend. An diesem Tage waren sie besonders gut gelaunt - auf jeden Fall einige. An diesem Tag hatte Hitler nämlich beschlossen, daß die Freundschaft mit Stalin zu Ende sei; an diesem Tage gingen die Deutschen zum Angriff auf die Sowjetunion über.
Ich kann mich gut daran erinnern, daß derjenige (Deutsche)
<8>, der unsere Stube bewohnte, die Treppe herunterkam, die sich auf der unteren Seite des alten Hauses befand. Er verkündete mit deutlicher Begeisterung, daß der Führer<9> der deutschen Armee den Befehl gegeben hatte, in Rußland einzumarschieren. Und das war in jeder Weise ein Fortschritt - einige Wochen noch, und es würde sicher vorbei sein mit Deutschland als Sieger in Ost und West. Die Begeisterung kühlte sich nach und nach ab, weil es sich in Wahrheit um den Anfang vom Ende handelte, was jedoch jetzt erst wenige wußten.

In Hakallestranda war von einigen Jahren ein Jugendverein mit Halvdan Holen an der Spitze gegründet worden. Veslejonsokafta<10> fiel auf einen Sonntag, und es war schon lange beschlossen, an diesem Tag ins Krokedal zu ziehen, Jonsok zu feiern und ein Johannisfeuer anzuzünden. Das Anzünden von Feuern war, wie das meiste andere, verboten.
Es war Hochsommer, und der Tag kam mit gutem Wetter. Und bald war eine ganze Schar Jugendlicher auf der Wanderung bergauf zu Jorda
<11> an Krokedalsvatnet. Es dauerte nicht lange, bis ein großes Feuer aufloderte. Eine ausreichende Menge von Wacholdersträuchern, die da oben reichlich zu finden waren, schaffte gute, alte Johannistimmung. Einige hatten eine Ziehharmonika mitgenommen, und bald ging der Tanz lustig über die Ebene am Strand, direkt unterhalb von Jorda. Dies ist auch heute noch ein im Kataster verzeichnetes Gelände, doch nach den Geschichtsbüchern haben hier seit Ende des 15. Jahrhunderts keine Menschen mehr gewohnt.

Der Tag verlief ziemlich schnell an diesem hellen Hochsommertag mit Sonne über allen Bergen - eine helle Erinnerung aus einigen dunklen Jahren, an die wir uns kaum mit Freude erinnern. Doch vieles von dem Bösen, was diese Jahre mit sich bringen sollten, lag noch in einer unbekannten Zukunft verborgen.

Wir hatten nun Weihnachten und das Wochenende danach im selben Jahr erreicht. Alles Vereinsleben blühte besonders gut in den Kriegsjahren. Für uns, die wir zu jener Zeit jung waren, war es gewöhnlich, Weihnachtsfeiern in den Nachbargemeinden zu besuchen. Und als das jährliche Kreisfest in Nordstranda an der Reihe war, zogen wir in einer ganzen Schar los, auf Fahrrädern mit abgeblendeten Scheinwerfern. Das Wetter war schön mit gefrorenen Wegen. In diesen Jahren hatten wir eine Periode mit eher kalten Wintern und viel Schnee. Doch dieses Weihnachten war schneefrei, so weit ich mich erinnern kann.<12> Niemand hatte ein Radio, auf jeden Fall nicht in der Stube. Wenn jemand eines hatte, so war es im Schuppen oder auf dem Dachboden versteckt. So hatten wir später zu Hause eine ganze Menge zu erzählen. Und um den Weihnachtsbaum herumzugehen war das schönste, das wir uns denken konnten. Das Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und Zusammensein war in den Kriegsjahren besonders lebhaft.

Im Laufe des Abends machte unter uns das Gerücht die Runde, irgend etwas sei an der Küste im Gange, und die Deutschen sprängen in Hakallestranda wild umher. Aber Gerüchte hatten wir schon viele gehört. Sehr viele erwiesen sich als unbegründet, so daß wir auch diesem keine besondere Bedeutung beimaßen. Um welche Uhrzeit wir den Heimweg antraten, weiß ich nicht mehr so gut, doch der Gang um den Weihnachtsbaum nahm gerne längere Zeit in Anspruch und zog sich oft bis weit über Mitternacht hin.

Auf dem Heimweg war nichts Böses zu sehen oder zu hören. Wir waren müde und traten zu, um schnell nach Hause zu kommen, und alles war, wie gesagt, so weit friedlich und ruhig. Doch als wir, die wir in nördliche Richtung wollten, ins nördliche Halsen kamen, war der Frieden vorbei. Hinter Stacheldrahtsperren auf der Straße blinkten grelle Taschenlampen, und stahlhelmbewehrte Männer mit Maschinenpistolen und preußischem Gebrüll jagten uns zurück.

Ich war fast zu Hause und sehnte mich nach einem Bett. Ich wagte mich also nach vorn und fragte nach einem Offizier, dessen Namen ich kannte. Aber das hätte ich mir sparen können. Es gab noch mehr Gerufe und Gestikulieren, so daß sich unsere ganze Schar auf die Fahrräder warf und so schnell wie möglich das Weite suchte.

Niemand mußte jedoch Not leiden. Diejenigen, die aus dem Norden der Gemeinde stammten, fanden Essen und Bett in den umliegenden Häusern. Ich hatte Eltern und Geschwister in Molvika und war wie heimgekehrt. Und am anderen Tage hatte sich alles wieder beruhigt. Mein Pflegevater kam und holte mich - sie hatten schon geahnt, wo ich abgeblieben sei.
In den Zeitungen wurde für gewöhnlich wenig über die Kriegshandlungen in der Gegend geschrieben. Aber in den darauffolgenden Tagen hatten die Leute viel darüber zu erzählen, was sie in dieser Nacht gesehen und erlebt hatten. Und später erfuhren wir, was sich ereignet hatte. Es war die bekannte und blutige Aktion auf Måløy, der nach den Aufzeichnungen am 27. Dezember 1941 stattfand.

An einige Begebenheiten aus den ersten Kriegstagen im Frühjahr 1940 kann ich mich erinnern. An einem Tag, ich ging zusammen mit den Kühen auf das Feld, bemerkte ich ein Flugzeug, das merkwürdig niedrig über Kvamsøya und Haugsholmen glitt. Mit der Zeit waren wir an den Anblick von Flugzeugen gewöhnt, ständig strichen sie ziemlich niedrig in südlicher oder nördlicher Richtung über die Berge. Doch dieses benahm sich ungewöhnlich. Mit einer langen Schleppe aus schwarzem Rauch hinter sich sank es tiefer und tiefer über die Berge von Stad und war bald nicht mehr zu sehen.

Dies war, bevor der Krieg<13> in Norwegen beendet war. Wir erfuhren, daß das Flugzeug bei einem Luftkampf beschädigt worden war und da drüben auf einem Schneefleck notlanden mußte. Die Besatzung kam mit dem Leben davon. Sie wurde aufgegriffen und nach Måløy gebracht, wo sie nicht viel später von deutschen Kräften abgeholt wurde. Die Reste des Flugzeuges sind gewiß noch zu finden.

Als die Deutschen im Jahre 1941 mit ihren Kanonen kamen, standen diese gerne hier und da am Weg bei Bergsnevet - zu jener Zeit gab es keinen Fahrverkehr. Es muß an einem Samstag- oder Sonntagabend gewesen sein. Wir Jugendlichen gingen den Weg entlang und besahen uns die Sachen, die da gekommen waren. Alle mußten in die Rohre der Schießgerätschaften sehen. Als ich hineinblicke, sah ich, daß die meisten anderen etliche große Speichelklumpen hinterlassen hatten - das sollte wohl als kleine Demonstration gedacht gewesen sein. Ob die Deutschen das gesehen hatten, weiß ich nicht, auf jeden Fall haben wir davon nichts mehr gehört.

Aber ich kann mich daran erinnern, daß zwei Jungen, Marius Sandvik und Trygve Sandvik, gewiß nicht die rechte Disziplin gezeigt haben mußten - auf welche Weise auch immer. Sie wurden auf jeden Fall in die Wachstube unten im Hof von Kristian (Gebäude Nr. 2) gebracht. Dort mußten sie den Rest der Nacht mit dem Gesicht zur Wand stehen bleiben. Ich kann mich nicht erinnern, was sie Schlimmes angestellt hatten, doch auf jeden Fall etwas, was bei "de grønne"<14> nicht wohlgelitten war. Hier sollte erkennbar ein Exempel statuiert werden - ich kann mich nicht mehr an solche Vorkommnisse aus späterer Zeit erinnern.
Bevor die Baracken auf Bergsneset errichtet wurden, wohnten die Soldaten überall in den Häusern. In Halsen (Gebäude Nr. 1) hatten sie ein Büro. Da saßen diejenigen, die sich mit der Auszahlung der Mieten und ähnlichem befaßten. Geldscheine hatten sie sicher genug, und ich habe nie etwas anderes gehört, als daß sie immer pünktlich zahlten. Hier gingen stets bewaffnete Wachen auf dem Weg und trotteten dahin. Wir haben diese Burschen oft gesehen - die meisten waren junge Männer, zumindest zu Anfang des Krieges. Und ich glaube, niemand beneidete sie, wie sie da so gingen und latschten und ihre Gewehre trugen, an warmen Sonnentagen oder bei Sturm und Regen in schwarzen Herbst- und Winternächten.

Nach dem, was ich aus Büchern entnehmen kann, waren die ersten Kanonen auf Bergsneset mitten im Sommer 1941 an Ort und Stelle. Eine Telefonleitung wurde in südlicher Richtung durch die Gemeinde errichtet. Womit sie am anderen Ende verbunden war, weiß ich nicht - vielleicht mit Flugevågen, wo es seinerzeit eine Telefonzentrale gab.

Als kleinen Seitensprung muß ich erzählen, daß, als der Krieg vorbei war und die deutschen Ausrüstungsgegenstände versteigert wurden, sich einige zusammentaten und diese Leitung kauften. Sie war selbstverständlich privat und diente als einzige Verbindung in südlicher Richtung, bis sie von Televerket<15> übernommen wurde. Nun gab es mehr und mehr, die sich einen Telefonapparat anschaffen konnten - was gleich nach dem Krieg nicht so einfach war. Diejenigen, denen die Leitung gehörte, hatten nichts dagegen, daß sich viele daran anschlossen; desto mehr konnten sie selbst über Telefon erreichen. Und diese Zahl wuchs, war sicherlich auf 13 angestiegen. Und weil jeder von ihnen sein eigenes Signal haben mußte, gab es viel Lärmen und Läuten, kannst du wissen.

Einen großen Teil des Nachmittages war die Zentrale auf Krakset geschlossen. Da konnten alle telefonieren so viel sie wollten, ohne die Zentrale zu alarmieren. Aber solche neumodischen Sachen waren seinerzeit ungewohnt für die Leute. Für einige war es daher verlockend, mitzuhören, wenn das Telefon klingelte. Uhren, die im Hintergrund tickten, waren mit der Zeit bekannte Laute, wenn man telefonierte, so daß man nicht besondere Lügen ausplappern konnte. Die sollte man besser für sich behalten, bis man seinen Gesprächspartner unter vier Augen traf. Doch das geschah alles in den Jahren, nachdem der Frieden gekommen war.

Die erste Zeit richteten sich die Deutschen in vielen Häusern ein. In der alten Hütte oben auf Halsebakkene hatten sie eine Schneider- und Schusterwerkstatt. Diejenigen, die dort saßen, hatten sicher diese Berufe im Zivilleben. Ich kann mich besonders an den Schneider erinnern, einen kleinen, schmächtigen Mann mit krummem Rücken, deutlich von seinem Beruf gezeichnet. In unserer südlichen Stube wohnte ein "snorakar"<16>. Sein Dienstgrad, so weit ich mich erinnern kann, muß so etwas wie Hauptfeltwebel<17> gewesen sein. Das heißt, es wohnten der Reihe nach mehrere dort, aber alle hatten denselben Dienstgrad - sie trugen zwei oder drei goldene Ringe um die Jackenärmel.

Der große Chef selbst - kapteinen<18> - wohnte im Haus von Johannes Håberg (Gebäude Nr. 1). Er zeigte sich ab und zu auf dem Weg, hoch zu Roß, mit Schnüren und Streifen und einer riesigen Mütze. Alle Offiziere hatten ihren Burschen, der tagaus, tagein kam und das Zimmer aufräumte. Dies waren selbstverständlich gewöhnliche Soldaten mit eisenbeschlagenen Stiefeln. Sie schlugen die Hacken zusammen und grüßten, wenn sie kamen, und das sah recht nett aus. Aber es nahm, was nicht weiter verwunderlich ist, den Fußboden hart mit. Wir erfuhren niemals die Namen unserer Mieter, so besonders viel Kontakt hatten wir nicht mit ihnen.

An eine Begebenheit kann ich mich erinnern. Im Zimmer des Deutschen stand selbstverständlich ein Radio. Unser Apparat war beschlagnahmt worden, und eines Tages fragte ich um Erlaubnis, "tyskeradioen"<19> hören zu dürfen. Ja, das durfte ich. Da wurde es zur Gewohnheit, sich hineinzuschleichen und London zu hören, wenn es an der Zeit war. Draußen in der Küche sollte jemand aufpassen, ob der Mann auftauchte. Doch eines Tages versagte der Wachposten. Plötzlich stand er (der Deutsche)<20> in der Tür, als ich fummelte und drehte und nach London suchte. Schnell war ich dabei, Vigra einzustellen. Mir schien, als blickte er mich ziemlich forschend an, sagte aber nichts. Er nahm nur etwas, was er sicherlich hatte holen wollen, und ging zur Tür. Das selbe tat auch ich, aber hatte recht warme Ohren und war nicht gerade gut auf den zu sprechen, der in der Küche nicht besser aufgepaßt hatte.

Nach und nach wurde bekannt, ohne daß man viel darüber sprach, daß sich hier und da in den umliegenden Häusern Radios fanden. Aber wo, das wußte niemand anderes als diejenigen, die sie besaßen. Bei meinen Eltern in Molvika hatten sie einen Volksempfänger, den sich Johannes, unser Bruder, zu der Zeit beschafft hatte, als er in Ålesund wohnte.
Einige Zeit pflegte ich dorthin zu gehen, wenn die Sendungen aus London kamen. Es muß eher gegen Anfang des Krieges gewesen sein, denn ein Wachsoldat ging eines Abends den Weg entlang, als ich kam. Er fragte mich, was ich wollte. Ich antwortete, ich wolle meine Eltern in Molvika besuchen. Ich schien ihm sehr präzise zu sein - genau zur selben Zeit an jedem Abend. Ich glaube, das ist eine schön umschriebene Warnung gewesen. Und ich bekam einen Schreck, war später nicht mehr so präzise - es galt, sich in acht zu nehmen.

Der Volksempfänger, den wir hörten, fristete während der Kriegsjahre ein ziemlich unstetes Leben. Es dauerte nicht lange, bis man es zu unsicher fand, ihn auf dem Dachboden zu lagern, wo wir auch die Sendungen hörten. Eine Weile lag er gut versteckt oben im Sommerstall, bevor er schließlich in einem Boot in einem Netz- und Bootshaus in Flugevågen zwischen Schwimmern und Netzen seinen Platz fand.

Und die Kriegsjahre wurden schlimmer. Am 4. Mai 1943 trug sich auf Bergsnevet ein tragisches Ereignis zu. Karen Nystøyl, die bei ihrem Sohn Konrad Håberg auf Lisje-Håberget - Håberg Nordre 1 - wohnte, wurde von einem geistesgestörten deutschen Soldaten niedergeschossen und getötet. Reidun Karlsdtr. Nystøyl und Guttorm Knutsson Kragset, die beide Schüler waren und zusammengingen, berichten über diesen traurigen Frühjahrstag im Jahre 1943: Die Leute auf Lisje-Håberget wohnten innerhalb der militärischen Sperranlagen und mußten deshalb nördlich auf Krakset übernachten. Karen schlief bei ihren Verwandten bei Knut, die anderen bei weiter nördlich lebenden Angehörigen. Guttorm, der damals 10 Jahre alt war, Reidun Nystøyl und Marta Konradsdtr. Håberg gingen gerne zusammen in südlicher Richtung zur Schule nach Sandvika, und Karen ging oft mit ihnen zusammen.

An diesem Morgen kam Karen etwas später. Reidun kann sich daran erinnern, daß sie gerade über den Hof auf Krakset ging, als sie vorbeikam. Am Fluß auf Bergsnevet stand ein Lastwagen, und ein Wachsoldat stand und sprach mit dem Fahrer. Als Karen kurz darauf erschien, gut eingepackt in ihre Kleider, sprang ein Soldat aus der Wache heraus und schoß sie nieder. Ich kann mich noch daran erinnern, vorbeigeradelt zu sein und die Blutflecken gleich nördlich des Weges gesehen zu haben. So weit ich weiß, befand sich der Weg damals an der gleichen Stelle wie heute.

Daraufhin versammelten sich die Eltern der Schulkinder und beschlossen, die Kinder aus der Schule zu nehmen, bis eine andere Lösung gefunden war. Es wurde dann bestimmt, daß alle südlich der Sperren nach Lothebakken, alle nördlich davon nach Rinden auf Nystøylen (Gebäude Nr. 2) (zur Schule)<21> gehen sollten.

Es war im Herbst. Ich meine mich daran zu erinnern, daß mein Pflegevater und ich an der Scheune beim Heumachen waren. Eben war ein Konvoi in nördlicher Richtung durch den Fjord gezogen. Das war ein recht alltäglicher Anblick, so daß wir nicht weiter darauf achteten. Plötzlich tauchte aus den Wolken über Stadhavet ein Schwarm Flugzeuge auf. Sie flogen mit rasender Geschwindigkeit nach Norden hinterher, und dann brach es los. Was da knallte, weiß ich nicht - es kam sicher sowohl von der Luftabwehr als auch von den Flugzeugen. Und es dauerte auch nicht lange - vielleicht ein paar Minuten -, da war es wieder still.
Es muß schönes Wetter gewesen sein, denn ich schwang mich auf das Fahrrad und radelte nach Norden, um zu sehen, was sich ereignet hatte. Und es war ein schlimmer Anblick, der mich traf, als ich nördlich von Aksla angekommen war - der Landzunge südlich der Kirche: Ein Wagen, beladen mit Toten und Verwundeten, wie es für mich aussah; ich konnte es nicht so gut sehen. Als ich zum Kai hinunterkam, kam Alfred Sætrevik angerudert, im Schlepp ein Floß, das so aussah, als wäre es mit Leichen und verstümmelten Körpern beladen. Draußen bei Åramholmane waren Schiffe am Ufer auf Grund gelaufen, und unterhalb der Kirche war eine Kiefer mitten durchgeschlagen worden. Es war der Rahmen eines Bullauges gewesen, der angesaust gekommen war und nun verdreht daneben lag. Es wurde auch erzählt, daß in der Kirche eine der Figuren der Altartafel zu Boden gestürzt war. Es war die Statue von Moses mit den Tafeln, merkwürdigerweise ohne Schaden zu nehmen. Unten am Strand war ein scheußlicher Anblick von zusammengeschossenen Menschenkörpern und Blut. Für einen kurzen Moment bekamen wir etwas vom endlosen Grauen des Krieges zu sehen - etwas, was wir nie mehr erleben dürfen.

Harald Sætrevik hat mir später erzählt, daß er zusammen mit Åsmund Sætrevik Verwundete zum Kai nach Espeneset gebracht hatte, wo Dr. Sollie mit aufgekrempelten Ärmeln stand, Spritzen verteilte und das beste tat, was er tun konnte. Es waren die Deutschen gewesen, die sich wegen dieser Arbeit an Åsmund gewandt hatten. Er hatte ein 23-Fuß-Boot im Hafen in Åramsundet liegen. Er hatte wenig Lust, bei dieser blutigen Arbeit alleine zu sein. Er fragte deshalb Harald Sætrevik, ob er mitkommen könne, und so war es. Insgesamt machten sie fünf Fahrten mit Verwundeten zum Espeneskai.
Harald erzählte auch, daß der in Ålesund beheimatete Frachter "Anders Liaaen", der zum Konvoidienst eingezogen worden war und den Namen "Tornado" erhalten hatte, bombardiert und auf Langeneset - der Landzunge unterhalb Aksla - auf Grund gesetzt worden war. Das Schiff wurde später freigeschleppt, doch war es leckgeschlagen und erst wieder nach dem Krieg in Dienst - es wurde von mangelndem Eifer gesprochen, das Schiff abzudichten und wieder in deutsche Dienste zu stellen, und das war wohl nicht ganz unglaubwürdig.

In diesem Jahr ist es 50 Jahre her, seit das geschah. Dank eines eifrigen Tagebuchschreibers, Rolf Strømsheim, können wir dieser Tage in der Zeitung von jenen Ereignissen lesen: "... Dienstag, der 12. September, wurde ein blutiger Tag...", schrieb er. Es war 11.42 Uhr, hat er notiert, gerade bevor sich die Leute an den Mittagstisch setzen wollten, da "...ging ein Schwarm alliierter Flugzeuge zum Angriff auf einen deutschen Konvoi in Åramsundet über...". Nach offiziellen deutschen Quellen gab es 32 Tote, 16 Schwer- und 30 Leichtverwundete.<22>

Später im Herbst desselben Jahres (1944) lief ein Frachter im nördlichen Åramsund auf Grund. Er kam aus Polen, sagte man, und hatte Kohle geladen. Mittlerweile herrschte unter den Deutschen eine ziemlich gedämpfte Stimmung. Der Krieg näherte sich dem Ende, und alle mußten einsehen, daß es mit den strahlenden deutschen Siegern, die Hitler versprochen hatte, nichts geworden war, und Unwillen und Widerstand wuchsen in der Bevölkerung.
Das Auflaufen war eine Folge reiner Fehlnavigation. Alle Leuchtfeuer und sonstigen Lichter waren gelöscht, so daß es nicht einfach gewesen sein konnte, sich in einer schwarzen Herbstnacht durch ein enges Fahrwasser hindurchzufinden.
Um das Schiff wieder freizubekommen, mußte es um Ladung erleichtert werden. Und als nun die Deutschen begannen, Kohle ins Meer zu werfen, strömten die Leute mit ihren Booten herbei, mußt du wissen, und hofften auf Ladung. Aber es war ein blankes nein - niemand bekam Kohle. Es wurde gesagt, das beruhe auf fehlendem Willen zur Hilfe bei dem großen Luftangriff, der kurz davor gewesen war.

Ich kann mich daran erinnern, daß die Leute rundum lagen und mit Mißmut sahen, daß so viel wertvolle Kohle einfach in die See geworfen wurde. An nichts herrschte Überfluß in jenen Jahren, auch nicht an Brennholz, und es galt, jede Gelegenheit, die sich bot, wahrzunehmen. Einige der Mutigsten versuchten, sich längsseits an das Schiff und unter den Strom von Kohle, der herausgerauscht kam, zu schleichen.
Aber das wurde schnell entdeckt. Alle Frachtschiffe waren bewaffnet. Sowohl vorn als auch achtern waren vielfach sogenannte Luftabwehrnester mit einer Kanone und einigen Soldaten auf Wache. Diese fuchtelten mit ihren Gewehren und riefen, wenn sich die kleinen Boote der Schiffswand näherten - sie hatten wohl vor Sabotage Angst, vor Magnetminen oder ähnlichem.
Doch dann begannen plötzlich die Luftschutzsirenen zu heulen - kurze, nervöse Laute, die alle in Schrecken versetzten. Da kam Leben in die Menschen. Alle griffen zu den Riemen und ruderten, so schnell sie konnten, zu den Holmen und suchten sich Verstecke in Buchten und Sunden.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wie lange es dauerte, aber nach einer Weile kamen drei lange Sirenenstöße: die Gefahr war vorüber. Da war es eine richtige kleine Armada von Booten, die aus den Buchten herauskamen und in der Hoffnung auf eine Kohlenlast Kurs auf das Schiff setzten. Aber daraus wurde nichts. Plötzlich schlugen Kugeln in das Wasser vor den Booten ein, und alle fanden es am klügsten, umzukehren und den Heimweg ohne Kohle anzutreten.
Es waren die russischen Kriegsgefangenen, welche die Aufgabe hatten, die Kohle in große Körbe zu füllen, die dann über die Reling gehievt und ausgeleert wurden. Die Gefangenen wohnten im Gebetshaus in Kobbevika und mußten jeden Morgen nach Norden zum Åramsund gebracht werden. Dazu brauchte man Boote. Die Deutschen sprachen einen Mann aus der Gemeinde an, der ein Motorboot besaß, und dienten ihm an, Russen zu transportieren. Ja, das wollte er auch. Aber das Boot war nicht groß genug für so viele Männer, meinte er, man bräuchte mehrere. Als Bezahlung sollte er Kohle bekommen. Alle Boote, die Kriegsgefangene transportieren, sollten ihre Kohlenladung erhalten, so war die Abmachung.
Nun kamen die Nachbarn mit ihren Ruderbooten, nahmen einige Russen an Bord und hingen sich an das Motorboot. Mehr und mehr kamen hinzu, als sie gefragt wurden, und zum Schluß war es eine ganze Kette von Booten, die nordwärts strebten, und alle hatten Passagiere an Bord. Merkwürdigerweise wurde dieses Spiel am ersten Tage gutgeheißen. Alle bekamen ihre Ladung und ruderten hochzufrieden nach Hause.

Doch am zweiten Tage hatte das ein Ende. Da hatten sich noch mehr Boote der Flotte angeschlossen und hoffen auf eine Ladung Kohle. Aber jetzt wurde eine gewisse Zahl festgesetzt, so weit ich mich erinnern kann. Und es war vielleicht gut, daß dem ein Ende gemacht wurde. Viele waren versucht, ihre Boote zu überladen. Wenn das Wetter unruhig war, konnten mit den tief abgeladenen Booten leicht Unglücke geschehen. Nicht jeden Tag bekamen die Leute etwas geschenkt, so daß es hier galt, die Gelegenheit zu nutzen.

Und ungefährlich war es sicherlich auch auf andere Weise nicht. Ich kann mich daran erinnern, daß der deutsche Wachposten, der mitkommen und die Gefangenen bewachen sollte, nicht das Risiko einging, uns nach Norden in den Sund zu folgen. Er fuhr mit dem Fahrrad und ließ sich vom Kai in Åramsundet zum Schiff bringen. Es gingen Gerüchte um, daß alliierte Flugzeuge Minen in der Fahrrinne gelegt hätten. Darüber machten wir uns damals keine großen Gedanken, doch später sind mehrere Sprengmittel dort im Norden gefunden und gesprengt worden, so daß wir wohl mehr Glück als Verstand hatten, alles unbeschadet zu überstehen.

Doch nichts ist so schlecht, als daß es nicht auch für etwas gut wäre, wie man weiß. In diesen schwierigen Jahren mit Rationierung und Mangel am Meisten blühte das Gemeinschafts- und Vereinsleben in der Gemeinde auf. Rundum in den Häusern wurden Feste und Zusammenkünfte abgehalten - hinter verdunkelten Scheiben und mit unsicheren Verhältnissen außen davor.
...
<23>

Das Friedensjahr 1945 war gekommen, doch niemand wagte richtig daran zu glauben, daß der Krieg bald vorüber sein würde, und noch sollte viel Schlimmes geschehen, bevor dies der Fall sein sollte.
Es ging auf Frühling und Ostern zu, der Kalender zeigte den 23. März. Das war ein schmerzlicher Tag. Julius, der Sohn von Anders Kragset, wo in jenen Tagen die Telefonzentrale war, kam im Laufe des Tages mit dem Fahrrad und hatte für uns in Sandvika und Molviken schlechte Nachrichten. Das Linienschiff "Romsdal" war auf seinem Weg nach Norden "til byen"
<24> von Flugzeugen angegriffen worden. Julius konnte berichten, daß Ragnar schwer verletzt worden war, während unser Neffe, Ragnvald aus Håberget, sein Leben verloren hatte. Diese waren Richtung Norden gezogen und wollten auf einen Osterausflug, kamen aber nicht weit. Zwei Jungen aus Gjerdsvika und von Sandsøya befanden sich auch unter den Getöteten. Ein vollkommen unverständlicher Angriff. Aber der Krieg hat zu allen Zeiten Brutalität und schuldlose Opfer mit sich gebracht.
Eine der Erinnerungen, die aus jener Zeit in mir sind, ist der Anblick des kräftigen Ragnvald (24 Jahre alt), der da als stummes Opfer des sinnlosen Wahnwitzes des Krieges lag. Ragnvald erholte sich mit der Zeit wieder, geht aber seitdem mit einem über dem Knie amputierten Bein und einer Prothese umher. Eines Tages erfuhren wir auch, daß Johannes zusammen mit den vielen anderen Tausenden, die der Krieg gefordert hatte, umgekommen war. Das waren einige der bösen Erinnerungen aus einer schlechten Zeit.

Aber 1945 kam auch mit Freude und guten Nachrichten. Ich kann mich noch gut an den großen und historischen Tag erinnern, an dem der Krieg endlich beendet war. Es wird wohl der 8. Mai gewesen sein. Wir saßen gerade an nonsbordet<25> (ca. 16.00 Uhr), als unser Nachbar, Andreas, kam und die neuesten Nachrichten berichten konnte: Die fünf schlimmen Jahre waren zu Ende. Was weiter geschah, daran kann ich mich nicht mehr so gut erinnern. Aber die meisten mußten wohl die frohe Nachricht erhalten haben, weil in der Umgebung Flaggen auf Stöcken und Stangen erschienen. Sehr wenige hatten sich eine richtige Fahnenstange angeschafft - das kam erst später, mit steigendem Wohlstand. Aber alle hatten eine Flagge, und an diesem Tage holten sie diese hervor, und hängten sie an irgend etwas, denn nun konnte sie wieder frei in einem freien Land flattern.
Eine Begebenheit will ich hier anführen, an die ich mich besonders gut erinnern kann. Ich war nach Volda gereist - wollte wohl Ragnar im Krankenhaus besuchen. Es traf sich, daß es derselbe Tag war, an dem die Grini
<26>-Männer heimkehrten. Es war Mai und ein Friedensfrühling. Durch die Straßen marschierten die Grini-Männer mit ihren Gefangenenmützen - der Anzüge hatten sie sich sicher entledigt. Das war einer der Befreiungstage im Jahre 1945 im alten Volda. So wird es wohl überall gewesen sein, doch so kann ich mich noch daran erinnern.

Es ist, wie gesagt, mehr als 50 Jahre her, seit das meiste von dem geschehen ist, von dem ich hier erzählt habe. Und sollte etwas nicht richtig mit dem übereinstimmen, an das sich andere erinnern, so hoffe ich, daß sie es nicht zu schwer nehmen. Zeit und Erinnerung sind eine schwierige Kombination. Und das ist alles, was ich nach allen diesen Jahren aus dem Gedächtnis hervorholen kann.


<1> Frå krigsåra, Segn og Soge Nr. 18 (1994), S. 51 ff. [Zurück]
<2> "weil heute Krieg ist". [Zurück]
<3> "Handelsvertreterboot". [Zurück]
<4> Dial., etwa "hohe Herren". [Zurück]
<5> Dial., "Reseveübung". [Zurück]
<6> Im Original englisch. [Zurück]
<7> Der Tag vor Johanni. [Zurück]
<8> Zum besseren Verständnis durch mich ergänzt. [Zurück]
<9> Hervorhebung durch mich; im Original deutsch. [Zurück]
<10> Siehe Fn 7. [Zurück]
<11> Alte Flurbezeichnung. [Zurück]
<12> Diese Erinnerung dürfte zutreffend sein. Der Winter 1941/42 war der erste der kalten Kriegswinter. Mit Ausnahme der Finnmark, wo normale Wintertemperaturen herrschten, war der Winter im ganzen Land älter als normal; in Vestlandet der fünftkälteste des Hundertjahreszeitraumes. Mit Ausnahme der Finnmark, Troms und dem Gebirge bei Røros fiel im ganzen Land bedeutend weniger Niederschlag als gewöhnlich. An vielen Orten der Sørlandsküste lag bis in die zweite Aprilhälfte Eis. Vgl. auch Bjørbæk, Gustav, Norsk vær i 100 år, 1994, S. 102. [Zurück]
<13> gemeint sind wohl die Kriegshandlungen. [Zurück]
<14> "den Grünen". [Zurück]
<15> die staatliche Fernmeldegesellschaft, heute: Telenor. Anders als in Deutschland waren in Norwegen Post und Fernmeldewesen seit jeher getrennt, und ich erinnere mich noch gut an meine Verwunderung, als ich auf meiner ersten Reise telefonieren wollte, dazu ein Postamt betrat, dort aber keinen öffentlichen Fernsprecher vorfand, sondern mich einige Straßen weiter zu "Tele" begeben mußte. [Zurück]
<16> Dial., etwa "Schnurkerl" oder "Kerl mit Schnüren" (an der Uniform). [Zurück]
<17> Hervorhebung durch mich - im Original deutsch und in dieser Schreibweise. [Zurück]
<18> Vermutlich Hauptmann. Diesem Dienstgrad entspricht die norwegische Bezeichnung "kaptein". [Zurück]
<19> "einen deutschen Sender". [Zurück]
<20> Ergänzung zum besseren Verständnis durch mich. [Zurück]
<21> Ergänzung zum besseren Verständnis durch mich. [Zurück]
<22> Flatmark, S. 75, nennt folgende Zahlen: 33 Tote, 44 Schwer- und 12 Leichtverwundete. [Zurück]
<23> Geringfügige Kürzung durch mich. [Zurück]
<24> "in die Stadt". Örtliche Bezeichnung für Ålesund. [Zurück]
<25> von "non", die Zeit um 1500 Uhr, und "bord", Tisch. [Zurück]
<26> Während der deutschen Besatzung Gefangenen- und Internierungslager für Widerstandskämpfer und Regimegegner, später für Kollaborateure. [Zurück]

Erstellt: 29. August 2000 - Letzte Änderung: 18. November 2000