[Zurück]...[Startseite]...[Übersicht]...[Weiter]

1940-45: Kriegserinnerungen

Inwieweit Haralds Erinnerungen mit denjenigen anderer übereinstimmen, werden wir gleich feststellen
können. Auch Gudrun Nystøyl erinnert sich an den Krieg:
<1>

Ich habe versucht, etwas von dem niederzuschreiben, an das ich mich aus jenen Kriegsjahren erinnere - wie das tägliche Leben der Bevölkerung aussah und besondere Ereignisse.<2>
Der Krieg kam am 9. April 1940 nach Norwegen. Ende März und Anfang April war schönes Wetter auf See und auf Land. In dieser Zeit waren viele große und kleine Fahrzeuge in Haugsfjorden vor Anker gegangen. Uns, die wir auf Hakallestranda wohnten, kam das merkwürdig vor. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir keinen Gedanken daran, daß unser Land wirklich in den Krieg hineingezogen werden sollte.
Am Morgen des 9. April waren plötzlich alle Schiffe, die auf dem Fjord gelegen hatten, fort. Mein Mann, Karl, war auf dem Feld. Ich war im Stall und versorgte die Tiere, als mein Vater zu Besuch kam. Ich sah ihm sofort an, daß es etwas gab und fragte ihn, ob etwas geschehen wäre. Da erzählte er, daß in unserem Land Krieg ausgebrochen und der Feind sowohl in Oslo als auch in Bergen an Land gegangen war.
In dieser Situation war es schwierig, zu wissen, was man machen sollte. Man saß mit vielen Fragen da, aber es gab kein Telefon, das man hätte benutzen können, um mehr Neuigkeiten zu erfahren. Ich dachte sofort an meine beiden Schwestern, die damals in Bergen wohnten. Wie mochte es ihnen gehen? Henna hatte eine Stellung auf einem Bauernhof in Fantoft, und Bertha war mit Ingvald Frotvedt verheiratet und wohnte auf Frotvedt.
Ingvald war zu jener Zeit zum Wachdienst beim Militär einberufen. Er und die anderen, die Wachdienst verrichteten, wurden von den Deutschen gefangengenommen, aber etwas später freigelassen.
In unserer Gegend begann man, die Wehrpflichtigen zum Kriegsdienst einzuberufen. Die meisten sollten sich in Åndalsnes melden. Es war eine spannungsreiche Zeit sowohl für diejenigen, die davonzogen, als auch für die Angehörigen. So weit ich weiß, kamen sie alle in guter Verfassung nach Hause zurück.
In den Tagen ab dem 9. April ging alles weiter, ohne daß sich etwas Besonderes auf Hakallestranda ereignete. Trotzdem war es eine nahezu unerträgliche Spannung und Ungewißheit darüber, wie sich alles weiter entwickeln würde. Das tägliche Leben mußte gleichwohl seinen Gang gehen. Haus und Heim forderten das ihre, und ebenso die Tiere im Stall.
Dann bekamen wir zu wissen, daß das ganze Land besetzt worden war und daß die norwegische Bevölkerung nunmehr den Gesetzen und Vorschriften zu folgen habe, welche von den Deutschen erlassen worden waren.
1940 und noch bis ins Jahr 1941 hinein gab es keinerlei deutsche Aktivitäten hier auf Hakallestranda wie auch in der übrigen Gemeinde Sande. Aber am 13. Mai kamen sie. Sie gingen in Sør-Brandal an Land. Da waren sie schon vorher hier gewesen, um das Terrain in Augenschein zu nehmen und einen Landungsplatz zu errichten, um ihre Kriegsmaschinen an Land zu bringen.
Es wurden ein Lager in Åram und eines auf Bergsnev in Hakallestranda errichtet. Die Kriegsmaschinen wurden in der Nacht nach Bergsnev gefahren, und es war starker Verkehr an unserem Haus vorbei. Das war alles andere als ein angenehmes Erlebnis für uns, die wir hier wohnten. Am 13. Mai kam die Nachricht, daß sie auch das Schulhaus haben wollten, und da, wo sie meinten, daß ausreichend Platz in Privathäusern vorhanden sei, zogen Deutsche ein.
Unsere Gegend lag offenbar strategisch im Verhältnis zum Fahrwasser. Das tat wohl das seine dazu, daß mittlerweile solche Aktivität herrschte.
In den folgenden Tagen und Monaten herrschte große Aktivität beim Bau von Bunkern. Das waren Festungen, die sie in die Erde hineinbauten und die schußsicher sein sollten. Diese Zeit war eine ungewohnte und unangenehme Zeit für uns Einwohner.
Nach und nach beruhigten sich die Aktivitäten, und wir Einwohner gewöhnten uns daran, den Feind um uns herum zu haben. Das Alltagsleben ging zu See und auf Land mehr seinen gewohnten Gang. Zu dieser Zeit waren viele Fischerboote in der Gemeinde Sande beheimatet. Diese fischten und sorgten für Nahrung aus dem Meer.
Die kleinen Bauernhöfe kamen zu Ehren und Würden. Auf Äckern und Feldern wurde gedüngt. Wir brachten Getreide, Kartoffeln und etwas Gemüse in die Erde. Ich muß oft daran denken, wie reich der Segen der Erde in jener Zeit war, ausreichend für Mensch und Tier. Das war die Gnade des Herrn.
Die Schule wurde also von den Deutschen requiriert, und die Einwohner mußten sich andere Räumlichkeiten suchen. Diese mietete man bei Alfred Lothe, der einen ganz großen Raum hatte und der sich zu diesem Zweck eignete. Unsere älteste Tochter kam 1942 in die Schule, und mußte, um die Schule in Sandvika auf Lothe zu erreichen, durch das Lager auf Bergsnev gehen. Das war ein schwieriger Schulweg.
In dieser Zeit wurde während der Nacht Verdunklung angeordnet. Von außen sollte man kein Licht sehen können. Deutsche Soldaten patrouillierten auf den Wegen und kontrollierten, daß die Einwohner ausreichend verdunkelt hatten. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich besonders an ein Ereignis. Mein Mann war nicht da, und ich war mit den Kindern allein zu Hause. Eines der Kinder war krank, und ich hatte eine kleine Stearinkerze an, und wahrscheinlich waren die Verdunklungsgardinen nicht ganz geschlossen. Plötzlich hörte ich einen lauten Ruf vom Weg her. Ich nahm an, daß sie von draußen das Licht gesehen hatten und blies die Kerze schnell aus. Ich lag nur da und wartete auf einen Fußtritt gegen die Tür, doch es blieb glücklicherweise ruhig. Aber die Angst, die ich damals fühlte, meine ich auch heute noch spüren zu können.
Trotz des Krieges im Lande und der Soldaten um uns herum ging das Leben seinen gewohnten Gang. Es gab viele Missionsvereine in der Gegend. Wir hielten in diesen Vereinen unsere regelmäßigen Treffen ab, und unsere Basare fanden zu Hause, im Sommer in den Scheunen statt. Weiter verrichteten die Loge Solglytt
<3> und die Gesundheitsvereinigung ihre gewöhnliche Arbeit. Das gewohnte Leben ging also seinen Gang. Trotzdem führte die Frage, was die Zukunft bringen würde, diese Ungewißheit, dazu, daß das Leben nicht so einfach war.
Wie gesagt befand sich die Schule in Sandvika, und der 4. Mai 1943 war gekommen. Die Kinder waren wie gewöhnlich in die Schule gekommen. Da wollte Karen, die Mutter von Konrad Håberg, am Lager Bergsnev vorbei nach Hause gehen. Dabei wurde sie von einem deutschen Soldaten erschossen. Man sagte, daß der Soldat geisteskrank war. Das war ein trauriger Tag für die Bewohner von Hakallestranda. Nach diesem Ereignis wollten die Eltern ihre Kinder nicht mehr vorbei an Bergsnev auf den Schulweg schicken. Die Höfe Klovning, Nystøyl, Sætrevik und Kragseth mieteten bei Karl Nystøyl einen Raum, den sie als Schule benutzten. Die Schule fand dann im Wechsel von 14 Tagen in Sandvika und auf Nystøylen statt. Lehrer war zunächst Flatøy, und dann kam Erling Kalsnes, der bis zum Ende des Krieges unterrichtete. Weiter erinnere ich mich daran, daß die Menschen in jenen Zeiten sehr hilfsbereit zu einander waren.
Nebenbei - Lehrer Flatøy war einige Zeit krank, und da kam Erling Kalsnes als Aushilfe. Als Flatøy wieder gesund war, zog Kalsnes nach Sandvika, und es fand wieder kontinuierlicher Unterricht sowohl in Sandvika als auch auf Nystøylen statt. So war es bis Kriegsende.
Im deutschen Lager auf Bergsnev gab es eine Anzahl russischer Gefangener. Diese wohnten im Bethaus. Sie arbeiteten viel in Åram und gingen am Haus hier auf Nystøyl vorbei. Es könnten ungefähr 8 - 10 Mann gewesen sein, und es gab immer Wachen, die sie am Morgen in nördlicher und am Abend in südlicher Richtung begleiteten. Die Kinder kannten die Wachen und wollten Lebensmittel haben, um sie den Gefangenen zu geben, weil es heute die netten Wachen waren, welche die Gefangenen begleiteten. Die Kinder bekamen auch verschiedene Sachen, welche die Gefangenen in der Freizeit hergestellt hatten.
2 der Gefangenen, die im Bethaus wohnten, starben und wurden bei der Kirche von Åram begraben.
Dann kam der 1. Juni 1944. Da kam ein großer Konvoi aus Schiffen von Stadthavet herein und war auf Nordkurs. Es waren viele Schiffe, große und kleine. Die ersten waren in Haugsfjorden nördlich von Haugsholmen angekommen. Da, mit einem Male, erschien ein "stareflokk"
<4> aus Flugzeugen. Sie kamen aus Norden gegen alle Schiffe, die in dem Konvoi waren. Es gab ein gewaltiges Getöse durch das Schießen aus den Flugzeugen, und wir sahen die Geschosse wie eine Perlenschnur auf die Schiffe zufliegen. Wir flüchteten in aller Hast in den Stall, weil wir wußten, daß die Feldsteinmauern und Schutz geben würden.
Als das Schießen allmählich endete, wagten wir uns wieder hinaus. Das große Schiff, das "Hans Leonhard" hieß, war in Brand geschossen worden und lag mitten zwischen Nystøylen und Kvamsøya. An Bord waren ständig schwere Explosionen zu hören.
Es herrschte schönes, ruhiges Wetter, und wir sahen alle die Menschen, die ins Wasser sprangen. Ein Schiff lief bei Storholmen auf Grund, ein anderes bei Simonneset auf Kvamsøya. Die ganze See war mit Rettungsflößen übersät, und eines davon kam hier bei Nystøylen mit 8 - 10 Mann an Bord an Land. Sicher nahm man sich ihrer von Bergsnev aus an. "Hans Leonhard" trieb nach Norden, und es krachte ständig aus dem Schiff. Es hatte Nystøylfluda passiert, und es war ca. eine halbe Stunde nach der Bombardierung, als das ganze Schiff explodierte und in die Luft flog. Der Anblick, der uns traf, war seltsam. Es war eine riesengroße Rauchsäule, die gerade in den Himmel stieg. Als wir aus unserem Zufluchtsraum im Stall herauskrochen, war alles still. Was vor einer kurzen Zeit auf dem Meer geschwommen hatte, war fort. Als wir wieder ins Haus kamen, waren die Fensterscheiben zersprungen, und die Blumen lagen auf dem Fußboden. Aber keiner von den Menschen an Land war zu Schaden gekommen.
Nun galt es, das ganze Elend aufzuräumen. Neue Fensterscheiben mußten eingesetzt werden, und dann ging das Leben weiter. Es gab mehrere solcher Luftangriffe auf Schiffe draußen bei Svinøya. Wir sahen die Flugzeuge und hörten das Schießen.
Es gab einen Bombenangriff auf ein Lokalschiff auf dem Weg nach Ålesund. Bei diesem Angriff verloren einer aus unserer Gegend und einer aus Gjerdsvika ihr Leben.
Sommer und Winter gingen, es wurde Herbst und Frühjahr. Die Menschen trafen sich auf Versammlungen und zum Gottesdienst. Ich glaube, die Menschen kamen in jener Zeit oft zusammen, um Gottes Wort zu hören. Es gab auch viele Aktivitäten in Sachen Gesang. Ein gemischter und ein Kinderchor waren aktiv. Lehrer Kalsnes leitete den Kinderchor, der aus Schulkindern bestand, und in der Zeit waren sie in Sande auf einem Treffen. Da sangen sie "Brudeferda i Hardanger"
<5>. Der Auftritt war so gelungen, daß sie das ganze Lied wiederholen mußten.
Außerdem glaube ich, daß es sehr gebräuchlich bei Jung und Alt war, auf Bergtouren zu gehen.
Die Zeit verging, und es wurde 1945. Unter den Menschen herrschte große Spannung darüber, wie es sein würde, wenn der Krieg vorbei wäre. Würde es sofort einen neuen Krieg geben? Die Menschen fühlten, wie sie mehr und mehr unruhig wurden. Geliebt wurde dann der 8. Mai. Da kam die Nachricht, daß jetzt Frieden war. Die Deutschen hatten sich ergeben. Alle, die eine Flagge hatten, holten sie hervor. Es war schon ein Erlebnis, unsere geliebte Nationalflagge mit ihrem Kreuz zu hissen und die damit verbundene Freude und den Frieden zu spüren. Ja, das kann wohl nur erlebt, nicht aber erklärt werden. Lob und Preis gehören unserem Gott.
Der 17. Mai wurde in diesem Jahr in Sandvika gefeiert, mit einem Fest und rjomegraut
<6> in der Scheune von Alfred Lothe. Das wurde eine frohe und schöne 17.-Mai-Feier nach all diesen Kriegsjahren<7>.
Gleich nach dem Krieg fand ein Dankgottesdienst in der Kirche von Åram statt. An genau welchem Tag das war, weiß ich nicht.
Bevor ich schließe, muß ich noch ein Ereignis erwähnen, das mir mein Bruder, Erling Kløvning, erzählt hat. Er war an Bord der alten "Mørejarl", und sie befuhren im Liniendienst die Route zwischen Bergen und Trondheim. Sie waren in nördlicher Richtung unterwegs und in Sognesjøen gekommen. Es herrschte gutes Wetter mit etwas Regen und Dunst. Die Leuchtfeuer waren gelöscht und das Schiff verdunkelt.
Er erzählte, daß ihn ein seltsames Gefühl überkam, genau als wartete er darauf, das etwas geschehen werde. Seine Wache ging vorüber, aber nichts war passiert, trotz des seltsamen Gefühls, das er hatte.
Nach dem Krieg traf mein Bruder einen Bekannten, der während des Krieges auf See gewesen war. Dieser erzählte ihm, daß er an Bord eines Schiffes gewesen sei, das an der norwegischen Küste im Einsatz war, um Küstenfahrzeuge zu versenken. Es war an dem Tag, an dem mein Bruder das Gefühl hatte, das etwas Schlimmes geschehen würde. Da seien sie auf Mørejarl gestoßen und waren bereit, sie zu versenken. Der andere habe das Schiff jedoch wiedererkannt und es geschafft, die Engländer zu überreden, es zu verschonen. Er hätte das damit begründet, daß es sich hier um das einzige Schiff handelte, das Lebensmittel und Waren für die Küstenbevölkerung transportieren könne. Außerdem befänden sich in der Regel eine Menge Menschen an Bord. Das alles führte dazu, daß sie Mørejarl verschonten.
Ein solches Ereignis zeigt auch, wie Gott mit uns sein und uns beschützen kann. Nur er sieht und weiß, was das beste für uns ist.


<1> Minne frå krigen 1940-45, Segn og Soge Nr. 19 (1995), S. 32 ff. [Zurück]
<2> Hervorhebung durch die Verfasserin. [Zurück]
<3> Sonnenschein. [Zurück]
<4> "Starenschwarm". [Zurück]
<5> Bekanntes Volkslied. [Zurück]
<6> Gleichbedeutend mit rømmegrøt - Rahmgrütze. [Zurück]
<7> In denen 17.-Mai-Feiern verboten waren. [Zurück]

Erstellt: 29. August 2000 - Letzte Änderung: 18. November 2000