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1940-45: Erinnerungen an den Krieg

Ester Håberg d. e. erinnert sich besonders an die Auswirkungen, die sich aus der Requirierung von Wohnraum und der Lebensmittelrationierung ergaben:<1>

Bevor man darüber reden kann, wie es war, als der Frieden kam, muß man 45 Jahre zurückdenken, weil da der Krieg hier nach Norwegen kam. Völlig unerwartet kam eine fremde Kriegsmacht und verheerte unser Land. Am 9. April 1940 kamen viele deutsche Kriegsschiffe, und große Truppenstärken wurden an Land gesetzt. Hier in Norwegen war das Militär nicht auf einen Krieg vorbereitet, so daß die Kräfte, die in aller Hast einberufen wurden, gegen eine solche Übermacht nicht viel ausrichten konnten.
König, Kronprinz und Regierung flohen nach England. Kronprinzessin Märtha ging mit den drei Kindern Ragnhild, Astrid und Harald nach Amerika, wo sie bis Kriegsende blieben.
Wir hörten, daß ein großer Flugzeugschwarm am 9. April von Sola aus in Richtung Norden unterwegs sei, bekamen Angst, als wir ihr Dröhnen hörten, und sahen sie wie große schwarze Vögel, es waren im ganzen ca. 20 Stück.
Die deutsche Militärmacht übernahm schnell die Gewalt hier im Lande, und wir mußten unter dem Umstand leben, ein besetztes Volk und Land zu sein, und es wurde in vielfacher Hinsicht schwieriger. Im Mai 1941 kamen die Deutschen nach Åram, dem letzten Platz, von dem wir uns denken konnten, daß sie dahin kommen würden. Zuerst kamen einige Unteroffiziere und Soldaten und beanspruchten die größten Schlafzimmer, wir mußten nur alle Möbel ausräumen. Einige Tage später kam der Hauptmann<2>
, er forderte das Gästezimmer, das erst kürzlich renoviert und noch nicht benutzt worden war. Ich durfte nichts von dem wegnehmen, was sich darin befand, und habe es nie wiedergesehen. Der Hauptmann war ein harter und böser Mann, vor dem wir große Angst hatten.
Es wurden mehrere Baracken gebaut und später Bunker, und nachdem die Deutschen aus unserem Haus ausgezogen waren, brachten sie dort politische Gefangene unter. Es gab große Sperren aus Stacheldraht, an denen Wachposten standen und an denen wir vorbei mußten, um zur Hauptstraße zu gelangen. Bei Luftalarm konnten wir nirgendwo hin.
Während wir zu Hause wohnten, hatten wir genug Milch, Kartoffeln, Fleisch und Speck, Hafermehl und Haferflocken von dem, was wir selbst erzeugten, doch wir konnten nicht so nahe an dem Lager der Deutschen wohnen, so daß wir nach kurzer Zeit ein älteres Haus in Hakallestranda mieteten. Nun mußten wir mit den Rationierungskarten auskommen, die wir von der Versorgungsbehörde bekamen, welche ein Büro auf Kragset hatte. Als wir umzogen, hatten wir zwei Milchkühe, von denen wir eine schlachteten und einsalzten, was lange vorhielt und uns gut zustatten kam. Die andere Kuh brachten wir zu Verwandten, die uns versprachen, sie bis zum Ende des Krieges zu behalten. Daran dachten wir immer - wenn der Krieg zu Ende wäre und der Frieden käme.
Je länger die Besatzung dauerte, desto weniger gab es von allem, was man brauchte. Toilettenseife wurde durch etwas ersetzt, was B-Seife hieß - es war grün und ähnelte Sandpapier. Anstelle von Kaffee kamen die Kaffee-Ersatzmarken Rika und Karoma, bekamen wir einige Erbsen, trockneten wir sie braun und vermischten sie mit dem Kaffee-Ersatz. Margarine gab es wenig, wir kochten Kartoffeln, zermahlten sie mit dem Fleischwolf und vermischten sie mit der Margarine - da reichte sie länger als Brotaufstrich, eignete sich aber nicht zum Braten. Es gab wenig Brotbelag, wir bekamen einen dunklen Sirup, der Melasse hieß, und der keinen guten Geschmack hatte.
Das Mehl war grau und das Brot wirkte auch grob, hatten wir einige Haferflocken, wurde es besser. Hefe gab es wenig. Backten wir Brot<3>
, so nahmen wir einen Teigklumpen und formten ihn zu einem Stück, das wir ganz tief in den Mehlkasten legten. Backten wir das nächste Mal Brot, lösten wir diesen in der Flüssigkeit, die wir dem Mehl zusetzten, auf. Wir mußten viel Natron verwenden und machten viele Kartoffelkuchen.
Die Kleidung war verschlissen und es war schwierig, etwas neues zu bekommen. Alle Laken wurden zu Hemden und anderen Kleidungsstücken umgenäht.
In Hakallestranda wohnten wir nicht sehr lange, dann konnten wir zurück nach Brandal, wo es ein leeres Haus in Lidane gab. Dort wohnten wir bis einige Wochen nach Kriegsende. Wir bekamen etwas Arbeit auf den Höfen in der Umgebung und als Arbeitslohn bekamen wir Kartoffeln und Lebensmittel, und das war eine gute Hilfe für den Haushalt. Der Kaufmann gab uns immer einige Kilo Mehl extra, wenn wir einkaufen gingen, und so kam er in eine ziemliche Bedrängnis, als die Rationierungskarten abgerechnet wurden und ihm viele Karten fehlten, aber ist aus dieser Lage sicher auf irgendeine Weise herausgekommen.
So etwas wie Obst sahen wir nicht, so lange der Krieg dauerte. In Amerika wurden gebrauchte Kleider gesammelt, die nach Norwegen kamen, um dort an diejenigen verteilt zu werden, die sie haben und umnähen wollten, weil sie so, wie sie waren, von niemanden gebraucht werden konnten.
Es war in vieler Hinsicht eine schwierige Zeit. Wir mußten die Fenster gut verdunkeln, so daß kein Lichtstrahl nach außen drang. Niemand durfte eine norwegische Flagge hissen, welches Fest man auch beging, ob es Geburtstag oder Hochzeit war. Aber dann - endlich kam eines Tages die Nachricht, daß die Kriegsmacht kapituliert hatte! Norwegen hatte Frieden bekommen! Am 8. Mai 1945 stiegen die Flaggen empor, und die schönste Flagge der Welt flatterte überall. Es war unglaublich, daß es so viele Flaggen in der Bevölkerung gab.
Ja, wir waren alle froh, als der Krieg zu Ende war, die Kinder jubelten und sprangen herum, weil wir nun in unser Heim zurückkehren konnten, das wir so lange vermißt hatten - 4 Jahre und 5 Monate. Aber es war nicht leicht, nach Hause zu kommen. Alle Fenster waren zerschlagen, im Keller fehlten auch die Fensterrahmen, eine Stubentür war zerhackt, in der Küche war ein Stück aus dem Fußboden herausgesägt. In der Treppe zum Boden, die vor dem Krieg neu gewesen war, waren die halben Stufen abgetreten. Und dann all der Schmutz! Wir putzten und scheuerten Tag um Tag. Vom Holzschuppen stand nur noch eine Hälfte. Die Scheune war durch das schwere Gerät, das dort gelagert worden war, so beschädigt, daß, als wir im Herbst Getreide dreschen wollten, die Dreschmaschine durch den Fußboden zu stürzen drohte und wir Teile eines Tisches suchen und unter die Maschine legen mußten.
Ja, selbst wenn Frieden in Norwegen war, waren die 5 Besatzungsjahre eine Zeit der Prüfung gewesen. Viele gute Norweger gaben ihr Leben für die Freiheit. Es gab auch viele, die viel Schlimmes in Gefängnis und deutschen Konzentrationslagern erlitten. Fuhr jemand nach England, um an der Befreiung teilzunehmen, nahmen die Machthaber andere der Familie als Geiseln. Viele Lehrer, die der Besatzungsmacht nicht gehorchen wollten, wurden nach Nordnorwegen zur Zwangsarbeit geschickt und mußten viel Schlimmes ertragen. Wir wollen diese Zeit niemals vergessen, und wir danken ihnen, ehren sie und gedenken ihrer an diesem 8. Mai 1985, 40 Jahre nach Kriegsende.
Laßt uns hoffen und wünschen, daß wir keinen Krieg mehr erleben müssen. Mit den gefährlichen Waffen, die man heutzutage findet, wird vielleicht das ganze Land zerstört und die Bevölkerung getötet. Laßt uns auch hoch einschätzen, daß wir in einem so guten Land wie Norwegen wohnen. Appell: Benutzt die Freiheit, die wir haben, dazu, gutes für einander zu tun. Das macht uns selbst und die, mit denen wir in Gemeinschaft leben, glücklich.


<1> Minne frå krigen i Noreg 1940 - 45, Segn og Soge Nr. 19 (1995), S. 38 ff. [Zurück]
<2> Im Original: "kapteinen". Dieser Bezeichnung entspricht der deutsche Dienstgrad "Hauptmann". [Zurück]
<3> In Norwegen wird auch Roggenbrot nicht auf Sauerteigbasis, sondern unter Verwendung von Hefe hergestellt. [Zurück]
Erstellt: 29. August 2000 - Letzte Änderung: 18. November 2000