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1941: Die deutsche Wehrmacht besetzt Åram

Nachdem wir nun von drei verschiedenen Zeitzeugen einen Überblick über die gesamte Zeit der deutschen Besetzung erhalten haben, wollen wir uns drei Ereignissen zuwenden, die sich eher auf engere Zeiträume eingrenzen lassen. Zunächst berichtet Magne Vik von dem Einrücken deutscher Truppen in Åram:<1>

Verschiedene Ereignisse<2>
Die ersten deutschen Soldaten, die nach Sør-Brandal kamen, waren ein Offizier und sein Bursche. Sie kamen im zeitigen Frühjahr 1941 (März/April). Nach ihren Befehlen sollten die beiden bei dem Lehrer der Gemeinde - Einar Vik - wohnen, der auf Arset lebte, und so wurde es auch.
Der Offizier hieß Tiedemann und sein Bursche Frölich. Die Männer hatten alles mit, was sie brauchten, und sie bezogen zwei Zimmer im 2. Stock. Dort versorgten sie sich selbst.
Frölich war ein junger Kerl, dessen Aufgabe es war, Tiedemann bei allem "zur Hand zu gehen". Er putzte dessen Stiefel und Schuhe, daß sie blitzblank waren, richtete die Uniform, dämpfte und bügelte sie, und er bereitete die Mahlzeiten zu.
Der Bursche hatte eine sehr untergeordnete Rolle im Verhältnis zu seinem Offizier. Es war, als wären die beiden König Salomo und Jørgen Hattemaker<3>
.
Doch welchen Auftrag hatte der Offizier Tiedemann hier? Tagelang war er draußen und ging durch das Gelände. Hoch und niedrig ging er, ins Gebirge und ans Ufer, landeinwärts den Strand entlang und landauswärts nach Åram, ja sicher begab er sich auch hinaus nach Hakallestranda.
Vieles deutete darauf hin, daß dieser Mann im Zivilberuf Ingenieur war, und nach dem, was später geschah, kann man sich denken, daß er es war, der die Pläne der Befestigungen erarbeitete, die etwas später in Åram gebaut wurden.
Und wenn man sieht, wo das deutsche Lager in Åram errichtet wurde, muß man sagen, daß er ein waches Auge für das Gelände hatte, daß sich dafür eignete. Das Barackenlager lag von See her gut geschützt. Gleichzeitig diente eine Gebirgskuppe als Schutz von Süd-Südost, während Åramhaugen selbst als Brustwehr gegen Norden und Nordwesten diente, mit Wachposten, Kanonen und Maschinengewehren, gerichtet auf See und in die Luft.
Espeneset eignete sich gut als Luftabwehrbatterie. Hier war auch eine tiefe, gute Anlaufmöglichkeit für größere Schiffe, so daß hier ein Kai gebaut wurde.
Die Stellungen lagen in günstiger Höhe oberhalb von Åram, und es gab gute Sicht auf Åramsundet, Sandsfjorden und hinaus auf Skorpa, Hallefjorden und weit hinein in Rovdefjorden.
Der Besuch dieser beiden Deutschen, die sich auf Arset eingerichtet hatten, wirkte in sich selbst nicht so dramatisch. Sie hatten ihre Arbeitsaufträge und beschäftigten sich mit ihren eigenen Dingen. In ihrem Auftreten gegenüber ihren Wirtsleuten waren sie höflich und sehr korrekt.

Einrücken deutscher Soldaten
Doch Mitte Mai begannen sich Dinge zu ereignen. Plötzlich gab es ein richtiges Landungsunternehmen in Sør-Brandal. Damals gab es nicht allzu viele Anlegestellen am Festland, aber in Sør-Brandal gab es einen Kai. Daher kam ein Schiff nach dem anderen - in Reih und Glied - und legte dort an. Und an Land strömten deutsche Soldaten "i sokk og kav"<4>
und hatten eine Menge Kriegsausrüstung mit sich. Soger einen alten Panzer, aber der war so schwer, daß sie nicht wagten, ihn über den Kai an Land zu bringen. Schließlich schafften sie es, ihn an das Ufer und von dort weiter an Land zu bringen.
Anfinn Rønnestad erzählt weiter daß eine ganze Reihe polnischer Kriegsgefangener damit beschäftigt war, Kriegsgerät und Ausrüstung zum Lager zu fahren. Die Bauern aus der Umgebung mußten ihre Pferde für alle diese Fahrten zur Verfügung stellen. Aber auch einige große polnische Pferde wurden benutzt.

Das Schulhaus wird Militärbaracke
Aber die Barackenstadt in Åram wurde nicht an einem Tag gebaut, und die Deutschen benötigten Wohnraum.
Schnell wurde das Schulhaus in Sør-Brandal als Unterkunft in Gebrauch genommen. Pulte und anderes Inventar mußten hinaus. Auf Bakken - wo der Hausarzt von Arne Brandal wohnte - hatte man eine verhältnismäßig große Stube. Hier zog die Schule ein, und hier war es gut zu sein. In der Schule hatten wir kein elektrisches Licht, aber auf Bakken gab es welches. An Brandalselva hatte man ein kleines Kraftwerk gebaut, das genug Energie für die Beleuchtung lieferte.
Es waren zu viele Personen im Haus, alte und junge, und es würde leicht einigen Lärm geben, wenn die Kinder aus- und eingingen, aber es ging wohl sehr gut. Schulkinder, Lehrer und Bauersleute hielten unglaublich gut zusammen und halfen einander. So erzählt Jenny Brandal, die damals eine junge Frau auf Bakken war, daß sie ein kleines Kind von wenigen Monaten hatte. Das Kind lag oft in der Wiege und schlief, während sie draußen und drinnen arbeitete. Eines Tages stand sie mit Wäsche vor dem Haus, ging aber ab und zu hinein, um nach der Kleinen zu sehen. Und als sie einmal hineinging, stand "Skule-Vik" und wiegte das Kind in den Schlaf. "Das Kind ist aufgewacht, weil wir so laut gesungen haben", entschuldigte er sich.
Die Menschen aus der Umgebung hatten sich im Schulhaus zu Basaren, Zusammenkünften u. ä. versammelt. In dieser Zeit wurden auch Basare in der Stube auf Bakken abgehalten.

Zu Besuch im Schulhaus - und große Aufregung
Ein großer alter Schrank im Schulzimmer war bei der großen Räumaktion nicht entfernt worden. Er war angefüllt mit allen möglichen Schreibsachen, Büchern und anderem mehr. Vor dem Schrank hing ein gutes Schloß. Aber es dauerte nicht lange, bis wir, die wir auf Bakken zur Schule gingen, Nachschub an verschiedenen Schreibsachen, Büchern etc. brauchten, so daß wir versuchen mußten, etwas zu holen.
Ich folgte meinem Vater zur Schule. Da stand ein deutscher Wachposten davor. Vater fragte um Erlaubnis, hingehen zu dürfen, und die bekamen wir. Im Schulraum waren dreistöckige Etagenbetten aufgestellt, und die Bettreihen standen ganz dicht zusammen. Deutsche Soldaten lagen da und lasen, oder streckten sich bloß auf den Betten aus. Es war starker Tabakrauch im Raum und sehr gutes Feuer im Ofen.
Aber plötzlich sprang ein Kerl auf, welcher der Chef der Truppe sein mußte. Wie wir hier hereingekommen wären, wollte er wissen. Er rief mehr als daß er sprach. Vater mußte erzählen, daß wir die Erlaubnis von dem Wachposten bekommen hatten. Dieser wurde heraufgerufen. Und in unserem Beisein bekam der arme Kerl eine fürchterliche "Abreibung" - selbstverständlich verstanden wir nicht alles, was gesagt wurde, aber die Situation war unmißverständlich. Der Wachposten stand in "Hab-Acht"-Stellung und nickte nur zu den ganzen Schimpfworten, die über ihn hereinhagelten.
Nach einiger Zeit beruhigte sich der "Sturm" wieder, und wir konnten die Bücher holen, die wir wollten.
Später ging es viel besser, wenn wir mit demselben Anliegen wiederkamen. Gut ein Jahr später zogen die Deutschen aus, und wir bekamen das Schulhaus zurück.

Deutsche in vielen Privathäusern
In vielen privaten Häusern waren die Menschen gezwungen, deutsche Soldaten aufzunehmen, und in zweien der Häuser, die am dichtesten am deutschen Lager standen, mußten die Eigentümer mit ihren Familien ausziehen und sich einen anderen Ort zum Wohnen suchen. Sie konnten nicht zurückkehren, ehe der Krieg 1945 beendet war.
Unser Haus auf Arset war ziemlich groß, und so konnten wir recht viele beherbergen, ohne selbst ausziehen zu müssen.
Einmal kamen 17 Mann und richteten sich im 2. Stock des Hauses ein. Wenn so viele Männer von Zeit zu Zeit die Treppe auf- und niedergingen - oft mit großem Gepäck und mit Eisenbeschlag unter den Hacken - so konnte man das gut im Haus merken.
Gleichwohl haben Gespräche in der Folgezeit dazu geführt, daß sie im großen und ganzen auf die Bewohner des Hauses Rücksicht nahmen.
In der Nacht - oft auch am Tage - saß eine bewaffnete Wache im Flur, dicht am Telefonapparat.
Es scheint unmöglich, mit all diesen Umständen leben zu können, doch es ging gut - sicher, weil man einfach die Verhältnisse nehmen mußte, wie sie waren.

Wie hatten sie Kalt- und Warmverpflegung geregelt?
So lange, wie das Barackenlager in Åram erst im Bau begriffen war, lebten die deutschen Soldaten zumeist wie im Feld.
Kaltverpflegung bereiteten sie sich selbst in ihren Unterkünften zu. Brotlaibe waren bei uns in einem Nebenraum auf dem Boden gestapelt - als wären es Birkenscheite in einem Holzstapel. Die Brotrinden waren steinhart. Sie kochten sich Kaffee, und auf den Brotscheiben mußte immer dick Butter sein. Die warme Verpflegung wurde herangefahren. Dann kam ein vierrädriger Wagen mit zwei davorgespannten Pferden auf den Hof. Der Wagen war speziell für die Zubereitung von Essen im Feld gebaut. Auf dem Wagen war ein riesiger Kessel mit einem darauf festgeschraubten großen Deckel montiert. Unter dem Kessel befand sich ein Ofen zum Heizen.
Die Männer füllten ihre Kochgeschirre auf, setzten sich dann auf dem Boden nieder - oder anderswo draußen, wenn das Wetter gut war - und aßen. Diese Warmverpflegung war oft eine Suppe mit Gemüse und Fleisch.
Es war nicht zu umgehen, daß ich mich als kleiner Junge oft zwischen diesen Männern bewegte - wie wohnten damals unter demselben Dach. Im großen und ganzen war das kein Problem.

Konfrontationen
Einmal fühlte ich mich nicht sonderlich wohl. Zwei Männer saßen in einem Raum auf dem Boden. Sie wollten mit mir sprechen - und ich ging hinein. Da fragten sie plötzlich, ob ich Hitler liebte. Meine Antwort war ohne großes Zögern nein. Das führte dazu, daß ich an den Schultern gepackt und gegen die Tür geworfen wurde. Tatsächlich landete ich ein gutes Stück die Bodentreppe hinunter.
Mehr geschah nicht, aber ich hielt mich danach auf Abstand zu diesen Kerlen.
Einige Deutsche hatten einen Hitlerbart. Das war ein Kennzeichen - selbst wir als Kinder lernten, das zu verstehen. Insgesamt mußten alle auf das aufpassen, was sie sagten.
Es kam ziemlich oft vor, daß es zwischen Deutschen und Norwegern "knisterte", und selbst wenn die Deutschen "med 'bukta og begge endane'"<5>
saßen, so war das ein Balanceakt, bei dem beide Seiten wußten, wo die Grenze war. Manche Situation konnte dramatisch und komisch sein.
So geschah es während des Transportes einer großen Kanone von Sør-Brandal nach Åram, daß das eine Rad durch die Brückendecke brach, als man Brandalselva überqueren wollte. Nun mußten norwegische Straßenbauarbeiter her, und ein deutscher Offizier begann, die Norweger auf die eine oder andere Weise der Nutzlosigkeit zu bezichtigen. Er sprach ziemlich gut norwegisch - unter anderem sagte er, die Norweger seien elende Schützen. Das wurmte den Vorarbeiter, der zu seiner Zeit sicher ein guter Schütze gewesen war. Er sagte: "Leih mir ein Gewehr und gib mir einen Schuß. Dann geh hundert Meter weg, ja, geh zweihundert - ich werde nur diesen einen Schuß brauchen...". Nicht viel später verließ der Offizier den Platz.

Soldaten an die Ostfront
Oft erfolgte die Verlegung von Soldaten. Einmal zog bei uns eine ganze Gruppe sehr junger Burschen ein - sie müssen um die 20 Jahre alt gewesen sein. Aber nach kurzer Zeit packten sie für die Abreise. Sie waren zum Kriegseinsatz an die Ostfront beordert worden. Sie sollten mit anderen Worten genau in die Schußlinie. Der Leutnant, der Chef dieser jungen Männer war, war selbst ein jüngerer Mann. Sein Name war Smith<6>
. Er pflegte auf einem großen, schönen Pferd zu reiten, wenn er sich nach oder von Åram weg begab.
Eines Tages, als er meinen Vater auf dem Hof traf, erzählte er ihm, daß er und seine Truppe jetzt an die Ostfront sollten. - Man konnte den Eindruck gewinnen, daß, im Krieg in Rußland eingesetzt zu werden, etwas vom schlimmsten sein mußte. Und der Gedanke daran, daß sie nun einem sehr ungewissen Schicksal entgegengingen, führte vielleicht dazu, daß er persönlicher als gewöhnlich war.
Er erzählte, daß er Gutsbesitzer in Ostdeutschland gewesen sei - bevor der Krieg ausbrach - und er zeigte Bilder seiner feinen Familie - Frau und zwei Kinder.
An dem Morgen, an dem sie abreisen sollten, stand ich da und sah auf diese jungen Kerle - sie standen an unserem Fluß, putzten sich die Zähne und wuschen sich. Ich dachte, daß es scheußlich wäre, daß sie nun weg und auf Menschen schießen müßten, und vielleicht in Rußland selbst erschossen werden und verbluten sollten... Dann wurde der Abmarsch befohlen und die Truppe zog ab. Niemand hier weiß, wie es ihnen ergangen ist.

Großreinemachen - Mangel an Seife
Neue Soldaten zogen ein, aber nach einem Jahr zogen sie alle "med alt sitt 'pikkpakk'"<7>
ihrer Wege. Und nachdem einige Baracken in Åram errichtet worden waren, bestand Grund zu der Annahme, daß nun mit dem Beherbergen von Deutschen Schluß sei.
Das ganze Haus wurde saubergemacht - von oben bis unten -, mehrere Frauen waren an der Arbeit, und es war nicht an einem Tag getan.
Es war das Problem, daß Seife rationiert war, aber die Leute kochten selbst Seife nach besonderen Rezepten. Es mußte viel Fett hinein, kaustisches Soda und vieles andere. Auf jeden Fall biß es noch tagelang nach der Reinigung in der Nase. - Dann vergingen einige Wochen, aber eines Tages, ohne daß wir es vorher gewußt hätten, kamen die Deutschen und zogen erneut auf dem Dachboden ein.

Polnische und russische Kriegsgefangene. Solidarische Unterstützung aus der örtlichen Bevölkerung.
Bereits seit Beginn der "Tyske-tida"<8>
waren hier einige polnische Kriegsgefangene. Später kamen auch russische Gefangene.
Für alle war sichtbar, daß es die Gefangenen nicht sonderlich gut hatten. Kleider und Schuhe waren so einigermaßen, und gewiß bekamen sie wenig zu essen.
Eines Tages kam ein großer schwerer Wagen zu uns auf den Hof, beladen mit Kohle. Er wurde von mehreren Polen begleitet. Diese wurden dazu eingesetzt, Kohle vom Wagen zu schaufeln und sie irgendwo in einem Schuppen zu sammeln. Ein deutscher Soldat hielt Wache und paßte auf, daß die Arbeit voranging. Die Kohle war für die Deutschen, die bei uns wohnten, und diese verbrauchten viel Brennstoff, weil sie immer so heizten, daß die Öfen rotglühend waren.
Die Leute hatten Mitleid mit den Kriegsgefangenen und versuchten auf allen möglichen Arten, ihnen einige Lebensmittel hineinzuschmuggeln. Ab und zu gelang das.
Nachdem diese Männer eine ganze Weile mit dem Kohlenschaufeln beschäftigt gewesen waren, ging meine Mutter hinaus und fragte die Wache, ob sie hereinkommen und ein kleines bißchen zu essen bekommen könnten. Doch die Frage wurde glatt abgewiesen. Hier gab es keine Zeit für eine Pause. Und auch keine Möglichkeit, ihnen Essen zu geben.
Doch nun ging es so, daß nach einer Weile Wachwechsel war, und meine Mutter machte einen neuen Gang und fragte den, der nun gekommen war, um dasselbe.
Das Merkwürdige geschah - er stimmte zu.
Wahrscheinlich war er sich sicher, daß keine anderen Deutschen in der Nähe waren - und eine ganz andere Haltung gegenüber den Gefangenen zeigte er auf jeden Fall. Als kleiner Junge wurde ich Zeuge, wie diese Männer hereinkommen und sich an unseren Stubentisch setzen konnten, damit sie etwas zu essen bekamen - und daß sie dieses so schnell und so gut in sich hineinstopften - sie waren hungrig.
Der Wachposten draußen konnte nicht riskieren, besonders lange zu warten, und so mußten sie schnell wieder nach draußen. Aber ich habe im Gedächtnis, wie dankbar sie waren, und wie tief sie sich an der Tür bedankten.

Getrockneter Hering für russische Kriegsgefangene
Das Bethaus in Hakallestranda diente als Unterkunft für russische Kriegsgefangene. Hier gab es einen 3 Meter hohen Stacheldrahtzaun um das Haus herum, und eine strenge Bewachung. Gleichwohl schafften die Leute es, den Gefangenen etwas zum Essen hineinzubringen. Alfred Kobbevik erzählt, daß sie getrockneten Hering hineinwarfen. Die Wache pflegte einen festen Weg auf der Außenseite des Stacheldrahtzaunes zu gehen, längs der unteren Seite der Schule und hinter der Schule entlang.
Wenn sich die Gelegenheit bot, warfen sie den Gefangenen Lebensmittel, oft getrockneten Hering. Und der Hering wurde sofort hereingenommen und versteckt. Später zeigte sich, daß sie den Hering hinter den Wandverkleidungen des Hauses verbargen. Sie hatten es geschafft, Paneele von den Wänden zu lösen und wieder zu befestigen, aber das war so gut gemacht, daß es unmöglich zu sehen war.
Es geschah auch, daß die Leute Socken o. ä. zu den Gefangenen hineinschmuggelten.

Königlicher Gruß an die Bevölkerung von Voksa
Bei Ingrid und Fredrik Baade auf Voksa hängt ein schön eingerahmtes Bild an der Wand. Wir sehen darauf König Håkon im Gespräch mit norwegischen Marinesoldaten in England. Der Text ist unterschrieben mit "9. april 1941 Haakon R".
Es ist ein sogenanntes Flugblatt aus Kriegszeiten. Aber wie kam es nach Voksa?
Fredrik Baade erzählt, daß es an einem Sonntag Mitte Mai 1941 gewesen sei. Das Wetter war schön, und eine ganze Schar Jugendlicher saß auf dem höchsten Voksehaug. Es war gewöhnlich, sich dort zu versammeln, wenn ein Sonntag mit schönem, ruhigem Wetter kam.
Auf Haugsfjorden - nicht so weit von Voksa entfernt - lag ein deutsches Wachboot auf Posten, aber sonst wirkte in der Umgebung alles ruhig.
Sie hörten Flugzeuglärm, und ein Flugzeug kam aus Süden in ziemlich geringer Höhe und strebte nach Norden in Richtung Voksa. Es zeigte sich, daß es ein englisches Flugzeug war - und es flog genau über diejenigen, die auf Voksahaugen saßen. - Seltsamerweise wurde von dem Wachboot nicht geschossen.
Während das Flugzeug vorüberzog, warf es einige Pakete ab, die auf der Insel landeten. Das Flugzeug flog weiter, und die Jugendlichen machten sich auf, um zu sehen, was diese Pakete enthielten.
Es zeigte sich, daß es Flugblätter mit Grüßen von König Håkon waren - direkt aus London hierhergeschickt. Hier gab es ein Bild des Königs, von norwegischen Marinesoldaten England und eine Ermutigung des Königs, gegen die Besatzungsmacht auszuhalten.
Die Flugblätter waren schnell an alle auf Voksa verbreitet - und gewiß noch weiter.

Razzia auf Voksa
Das englische Flugzeug und die Pakete, die über Voksa abgeworfen worden waren, waren auch von dem Wachboot beobachtet worden, und das ließ befürchten, daß es ein Nachspiel geben würde. Und so war es auch. Plötzlich kam eines Tages ein deutsches Wachboot zum Kai von Voksa. In alle Richtungen sprangen Soldaten an Land.
Das Wachboot hatte sich zunächst an die Außenseite der Insel herangeschlichen und dort Soldaten an Land gesetzt. Innerhalb weniger Minuten waren Deutsche auf allen Höfen und der gesamten Insel. Damals wohnten 70-80 Personen auf Voksa.
Alle - Kinder und Erwachsene - bekamen den Befehl, zum Kai hinunterzueilen. Dort unten wurden alle erwachsenen Männer an Bord des Wachbootes befohlen. Frauen und Kinder blieben am Kai zurück.
Die Deutschen wußten vielleicht von den Flugblättern, doch die Leute versteckten sie im letzten Moment, und viele verbrannten sie. Eher glaubten die Deutschen jedoch, daß das Flugzeug Waffen und Munition angeworfen hatte.
An Bord des Wachbootes gab es einen langen Aufenthalt, und alle wurden unter harten psychischen Druck gesetzt.
Die Männer wurden an Deck in einer Reihe aufgestellt, und ein deutscher Soldat zielte die ganze Zeit über mit einer entsicherten Waffe auf sie. Mit Rufen und Kommandos wurden sie von einer Bootsseite auf die andere beordert - die ganze Zeit unter den schlimmsten Drohungen, wenn sie nicht alle "Karten" auf den Tisch legten.
Einige waren zum Verhör unten in der Kajüte. Mein Vater, der einen kombinierten Lehrerposten in Sør-Brandal und auf Voksa hatte, war zu diesem Zeitpunkt dort draußen. Er mußte wie alle anderen an Bord des Wachbootes und erlebte, wie nervenaufreibend diese Situation war. Ab und zu erzählte er von diesem unheimlichen Erlebnis im April 1941.
Als er wieder in sein Zimmer kam, waren Regale und Schränke leer, und alles lag in wilder Unordnung. Sogar das Bett war umgekehrt worden.
Ob sie Flugblätter fanden, ist nicht sicher, aber Waffen fanden sie auf jeden Fall nicht, und im Laufe des Tages verließ das Wachboot Voksa.

Schluß
Die Deutschen rechneten damit, daß England und die Alliierten in Norwegen eine Invasion durchführen würden. Deshalb bauten sie während der ganzen Kriegszeit ihre Befestigungen und verstärkten sie.
Vor den Baracken, die in Åram ungeschützt dalagen, wurden große Steinmauern gebaut.
In den meisten Befestigungen wurde auch ein Tunnel in den Berg gebaut, oft mit Verzweigungen und Nebenräumen. In diesen Tunnel war zumeist ein großes Wasserbecken von mehreren Kubikmetern eingebaut. Das Becken hatte einen Ablauf, und ständig lief frisches Wasser hinein.
Hier gab es große Vorräte an Lebensmittel und vielem anderen. So war es auch in Åram. Alles zusammen war dazu gedacht, im Falle einer Invasion benutzt zu werden.
Diese Aufenthaltsräume im Berg sollten sie in die Lage versetzen, dem Feind Wochen, vielleicht Monate Widerstand zu leisten.
Wir wissen, daß es dazu nicht kam. Der 8. Mai 1945 brachte die vollständige Kapitulation. Unser Land war nicht mehr Kriegsschauplatz. Viele Norweger hatten auch das befürchtet. Nun gab es stattdessen Freudenfeste - der Krieg war zu Ende.


<1> Den tyske krigsmakta set seg fast i Åram, Segn og Soge Nr. 18 (1994), S. 10 ff. [Zurück]
<2> Die Überschriften in dieser Darstellung sind jeweils durch den Verfasser hervorgehoben. [Zurück]
<3> Hattemaker = Hutmacher. Redewendung, die den Unterschied zwischen einer bedeutenden und unbedeutenden Person verdeutlicht. [Zurück]
<4> Etwa: "in aller Eile". [Zurück]
<5> "am längeren Hebel". [Zurück]
<6> Schreibweise des Verfassers. [Zurück]
<7> "mit Sack und Pack". [Zurück]
<8> "Deutschen-Zeit", Zeit der deutschen Besatzung. [Zurück]

Erstellt: 29. August 2000 - Letzte Änderung: 18. November 2000