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1943: Der Untergang der St. Svithun

Diesen im großen und ganzen undramatischen Ereignissen, die gleichwohl einschneidende Folgen für die Bevölkerung von Åram hatten, stand ein Geschehnis gegenüber, das eine beträchtliche Zahl Menschenleben forderte (norwegische wie deutsche), und das sich am 30. September 1943 vor dem kleinen Küstenort Ervik, weit draußen auf Stadlandet, zutrug - der Untergang des Hurtigrute-Schiffes St. Svithun. Sverre S. Ervik berichtet in einem Gespräch mit Magne Vik darüber:<1>

Ja, davon will ich gerne erzählen, weil jemand, der bei einem solchen Ereignis dabei war, sich stets daran erinnern wird. Und dabeizusein, Menschenleben zu retten, wird eine lebenslange Erinnerung hinterlassen.
An dem Tage, an dem es geschah, knieten mein Vater und ich gerade auf dem Acker und nahmen Kartoffeln auf. Es war Ende September. Hurtigruta pflegte gegen halb fünf am Nachmittag südlich vorbeizufahren. Es war auch genau um die Zeit, in der wir Kaffee trinken wollten. Vater, der alles genau verfolgte, was vor sich ging, bemerkte, daß St. Svithun gerade in südlicher Richtung über Ervika
<2> zog. Wir blieben stehen und sahen dem Schiff etwas hinterher, als wir plötzlich Flugzeuglärm hörten. 'Heute fährt wie sicher im Konvoi', sagte Vater - es geschah oft während des Krieges, daß Schiffe, welche die Küste entlang fuhren, von Flugzeugen begleitet wurden. Aber diese Flugzeuge, die da kamen, wollten nicht auf sie aufpassen - das war eine andere Sorte. Diese gingen zum Angriff auf das Schiff über, als es sich mitten auf Ervika befand.
Der erste Angriff sah aus, als wäre er mißlungen; da hatten sie nicht getroffen. Die Flugzeuge stiegen deshalb wieder höher und kamen aus allen Richtungen zurück. Eines der Flugzeuge kam direkt über das Dorf hinweg, so daß wir es genau von der Seite sehen konnten, und es war förmlich, als wenn es Feuer spuckte - als spritzte Feuer heraus und direkt auf das Schiff. Und das begann nun sofort zu brennen.
Was wir in den Händen hatten, warfen wir weg. Ich rannte zum Meer hinunter, während Vater zunächst mit Pferd und Wagen, die wir auf dem Acker mithatten, nach Hause mußte. Ich glaube nicht, daß er sich Zeit nahm, etwas zu essen, denn er kam mit dem Wagen zum Meer hinunter.
Als wir das Meer erreichten, fuhr bereits das erste Boot zur Hilfeleistung hinaus. Wir benutzten solche seks-æringer
<3> mit drei Riemenpaaren. Wir wußten, daß ein solches Boot in einem der Bootshäuser stand. Nun hatten wir keinen Schlüssel für das Bootshaus dabei, aber wir brachen ein und ließen das Boot zu Wasser. Wir waren sechs Mann. Mein Schwiegervater war einer von ihnen, und ebenso unser Nachbar hier. Aber dann hatten wir nichts zum Schöpfen. Aber da kam ein Deutscher, und wir rissen ihm den Helm herunter und warfen diesen ins Boot, damit wir etwas zum Schöpfen hatten. Doch er sprang in das Boot und nahm den Helm wieder an sich. Doch ein Gefäß mußten wir haben. Ragnar - der heute Busfahrer ist - und ich sprangen in das Bootshaus. Da standen einige kleine Schwimmer. Und einen davon nahm er, sprang darauf und nahm den Boden heraus, und das war es, was wir zum Schöpfen hatten.
Dann bestiegen wir das Boot und machten, daß wir wegkamen, und es blies stiv kuling
<4> aus Südwest, so daß es nicht so leicht war, sich zu orientieren. Doch wir machten weiter und ruderten hinaus, und der erste, den wir sahen, war einer, der im Wasser lag und mit einem Tauende in der Hand winkte, und den zogen wir in das Boot. Doch sofort bekam er Krämpfe. Wir versuchten, seinen Mund zu öffnen, um das Seewasser herauszubekommen, aber das gelang nicht. Dann nahmen wir ein Mädchen auf die selbe Weise an Bord, die auch Krämpfe bekam - aber beide überlebten das, und wir brachten sie an Land.
Wir ruderten dann weiter und auf den Holm
<5> zu. Wir versuchten, südlich durch Storesundet, wie wir ihn nennen, zu kommen. Ruderten wir dort südlich, würden wir direkt unter das Heck des Schiffes kommen. Aber das gelang nicht, weil es so scheußlich blies - es war stiv kuling aus Südwest. Aber wir ruderten auf der Nordseite an den Holm heran. Doch dort kam die See so hart herein, daß wir "ta oss løje"<6> mußten, um dorthin zu gelangen. Es waren die Ältesten im Boot, die noch am besten auf die Brecher achten konnten. Dann waren wir unter dem Schiff, und sie sprangen. Ich erinnere mich an eine, die genau in dem Moment sprang, als eine Welle zurückflutete, und ich bin sicher, daß es sieben - acht Meter tief hinuntergegangen sein muß. Und sie landete genau zwischen Schiff und Klippe, schaffte es jedoch, sich mit der Brust gleichsam (an unser Boot)<7> zu hängen - und wir zogen sie hinein, und es sah so aus, als ginge es ihr gut, aber es war ein Wunder, daß sie nicht erschlagen worden war. Und die Mädchen an Bord - trisene, wie wir sagten - waren fast nackt, sie hatten nur Unterzeug an. Für gewöhnlich legte man sich hin, wenn man Stad umrunden wollte - um Seekrankheit zu vermeiden.
Wir mußten ihnen unsere Kleidung geben, naß und verfroren wie sie waren. Und zum Schluß saßen wir, die Burschen im Boot, fast nackt da - ich hatte nur noch eine Makohose an - wir gaben alles, was wir konnten - ich gab meine Dongeri-Hose, eine Strickjacke und mein Hemd. Es war so, daß sie die Kleidung haben mußten, um nicht zu erfrieren, wir aber arbeiteten, so daß wir warm blieben.
Dreimal waren wir an Land mit Menschen und fuhren wieder hinaus. Unter denen, die wir retteten, war eine aus Laksevåg, die einen sechsjährigen Jungen bei sich hatte. Er war auf seine Mutter geklettert, als sie im Wasser lag, und hatte sie gleichsam hinuntergedrückt. Wäre der Arzt rechtzeitig da gewesen, glaube ich schon, daß wir ihr Leben hätten retten können, weil wir sie beide ins Bootshaus hinaufbrachten. Daniel Berstad wollte die Mutter wiederbeleben, sie hieß Laura Askeland, aber als er schließlich merkte, daß Schaum aus ihrem Mund kam, war er so erschöpft, daß er aufgeben mußte. Und wäre der Arzt gekommen und sie hätte fachmännische Hilfe erhalten, so glaube ich, sie hätte gerettet werden können - aber der Arzt saß auf Årvikfjella fest, er hatte sich dort in einem Loch festgefahren, so daß er nicht kam, bevor das meiste vorüber war.
Da gab es einen, der hieß Strand und war aus Måløy. Er hatte einige Mädchen bei sich. Seine Frau war auch dabei.
Der Sohn des Lotsen ergriff ein Drahtseil und schwang sich daran auf den Holm, als das Schiff ihn erreichte. Er war der erste, der ein Tau vom Schiff ans Land brachte - er sprang hinzu und konnte sich an Land werfen. Sie hatten Glück und fanden einen Felsbrocken oder Stein unten an der Klippe. Daran konnten sie das Landtau von unten her befestigen, und über dieses kamen sie herüber. Aber wenn das Schiff sich überlegte, straffte sich das Tau, und wenn sich zur anderen Seite drehte, wurde es schlaff. Dann ging Harald Strand mit den Mädchen hinauf, die er auf dem Rücken festgebunden hatte. Seine Frau wollte nachkommen, aber sie wurde vom Tau geschleudert und kam um. Der Vater war die ganze Nacht mit den beiden kleinen Mädchen auf dem Holm, die Frau fand man nicht vor dem nächsten Morgen, da war sie tot.
Es geschah viel. Einer der Lotsen stand im Ruderhaus bis das Schiff strandete, und da brannte es so hinter ihm, daß er aus dem Fenster auf Deck springen mußte. Auch er versuchte, über das Tau und auf den Holm zu kommen, glitt aber ab. Ich habe oft an diesen Mann denken müssen, was er gedacht haben muß, als er im Wasser lag und über Lisjesundet, wie wir ihn nennen, schwimmen mußte. Er schaffte es, auf die andere Seite zu schwimmen, wo Festland war. Und als er zu uns nach Hause kam - ich war an diesem Tage draußen in Hovden und holte ihn zu uns nach Hause - sagte er: 'Das war ein merkwürdiger Platz, sagte er, weil die Brecher aus allen Richtungen herankamen und gleichsam geradewegs zum Himmel stiegen'. Oben an Land standen zwei aus dem Dorf, die ihm an Land halfen - ihm und einem aus Stavanger. Aber da hatte er so lange draußen gelegen, daß ihm die ganze Haut von den Ellbogen ab und weiter fehlte; er hatte sich am Fels festgeklammert, und die Brecher hatten an den Felsen auf und niedergezogen. Seitdem hat er mir Grüße geschickt - er hieß Kvaløy und war ein kräftiger Mann - ein tüchtiger Lotse. Als das Schiff zu brennen begann, wollte die Mannschaft nördlich um Buholmen herumgehen, aber das verweigerten ihnen die Deutschen - es waren 12 Deutsche an Bord -, die verlangten, daß sie südlich darum herumgehen sollten. Da sah der Lotse, daß das Schiff nicht anders zu retten wäre, als es dort auflaufen zu lassen, und so stand er da, bis das Schiff strandete. Dort war es ziemlich flach, und die Brecher zogen und zerrten am Schiff - nach hinten konnte keiner gelangen, da stand alles in Brand.
Es war ein donkey-mann
<8> an Bord, der seine Frau dabeihatte. Als der Angriff begann, sagte sie, sie wolle in die Kabine hinuntergehen und etwas holen, und er blieb auf Deck zurück und wartete. Als sie wieder nach oben kam, lag er tot da, eine Granate hatte ihn getroffen. Ebenso war Fischereikonsulent Sunden zusammen mit seiner Frau dort - er kam um, aber sie rettete ihr Leben. Sie meinte ganz sicher, daß er an Land gekommen war - an dem Abend, als ich wieder hierher nach Hause kam - ich brachte drei Jungen zu uns nach Hause, als Vater kam und sagte, er wolle jetzt ein letztes Mal mit nach draußen fahren, aber da war es so dunkel geworden, daß sie niemanden mehr fanden. Nun mußte ich los und den Arzt holen, einer von den dreien, die hier waren, hatte sich einen Zeh gebrochen. Der Arzt fragte mich dann, ob ich ihn zu den anderen Häusern, in denen Gerettete waren, begleiten wollte - er wollte nachsehen, ob jemand zu Schaden gekommen war und Hilfe haben mußte. Ich ging mit ihm mit und wir kamen dahin wo er war, der Mann aus Volda, den wir als ersten gerettet hatten - er hatte immer noch so viel Seewasser in sich, daß er es kaum schaffte, zu sprechen, also nahm ihn der Arzt und schickte ihn ins Krankenhaus nach Eid. Dann kamen wir zu meinen Schwiegereltern hinunter und da war sie, die Frau von Oskar Sunden - dem Fischereikonsulenten -, die Marie hieß. 'Du bist Arzt und in allen Häusern gewesen, du hast wohl meinen Mann gesehen?' Nun hielt sie mich für den Arzt, weil ich eine Kappe aufhatte und irgendwelche Gerätschaften trug. Aber ich sagte ihr, daß wir ihn nicht gesehen hatten. Doch sie war sich ganz sicher, daß er am Leben war, sie hatte ihn auf einem Floß gesehen, meinte sie. Aber er war dennoch leider umgekommen.
Das war ein trauriges Erlebnis, nicht zuletzt der Anblick des Feuers da draußen in der Dunkelheit, wo das Schiff brannte, daß es fauchte und knisterte und es mehrere kleine Explosionen gab, und wir standen da uns sahen auf die hilflosen Menschen, die um ihr Leben kämpften - ja, das war wirklich ein trauriger Anblick.
Am merkwürdigsten scheint mir, war, daß die beiden kleinen Mädchen die Nacht draußen auf dem Holm überstanden - von ihnen habe ich schon vorher erzählt - das kleinste von ihnen saugte an der Zunge des Vaters, was ihr wohl geholfen hat, sich zu retten.
Und der aus Volda, den wir zuerst gerettet hatten - er hieß Ekset - ich habe ihn später zu Hause in Volda besucht - sein Vater war Kapitän auf einem kleinen Boot, das von Volda aus Straumen befuhr - so daß wir gratis mitfahren konnten, wenn wir später in Volda waren. Aber ich kann mich erinnern, daß ich an dem Tage dabei war, als bei ihm zuhause eine Gedenktafel enthüllt wurde - ich stand in der Kirche und sah diesen Mann, doch es war seltsam, ihn zu sehen und mit demjenigen aus jener Nacht draußen auf dem Holm zu vergleichen - wie mitgenommen er war und wie er es schaffte, so lange bei Besinnung zu bleiben - bis er gerettet war, da war die Anspannung vorbei, und er verlor das Bewußtsein. Das gleiche geschah mit dem Mädchen, das wir zur gleichen Zeit retteten.
Insgesamt kamen 56 Personen an Land, die wir an jenem Abend bergen konnten, und am nächsten Morgen wurden 19 an Land gebracht, welche die ganze Nacht auf dem Holm gewesen waren, und unter ihnen waren die beiden Kinder, die ihr Vater bei sich hatte und von denen ich erzählt habe. Im ganzen waren 12 Deutsche an Bord, und von denen wurden sechs gerettet und die gleiche Zahl kam um.
Etwas, über das später geredet wurde und das auch merkwürdig war: Von den Steuermännern wurde kein einziger gerettet. Und ich habe darüber nachgedacht und Gerüchte gehört, wonach die Deutschen da draußen den Frauen die Schwimmwesten abgenommen haben sollen - man weiß, daß es Aufgabe der Steuerleute war, diese zu verteilen - und ob die Steuermänner vielleicht eingegriffen und die Deutschen sie erschossen hatten - man weiß es nicht. Einer erzählte mir auch, daß er viele Schwimmwesten anprobieren mußte, bevor er eine fand, die so groß war, daß er sie anlegen konnte, und das scheint mir schlecht für eine Hurtigrute in Kriegszeiten gewesen zu sein - man konnte nicht wissen, wann sie durch irgendwas verlorengehen würde, so gefährlich wie es hier draußen war - und es war nicht nur an jenem Tage, daß Gefahr drohte. Nun war dies das einzige Mal, daß es auf See aufgrund von Kriegshandlungen so dramatisch war. Aber es oft gefährlich, hier auf dem Land zu sein. Nicht so lange, nachdem dies alles geschah, wurden meine Schwiegereltern beschossen - es war nur ein Wunder Gottes, daß ihnen nichts passierte. Sie saßen am Morgen am Frühstückstisch. Da kam eine Granate durch die Wand und flog über die Knie meines Schwiegervaters und ebenfalls über die Knie der Schwiegermutter und zwischen ihr und ihrer Tochter hindurch und durch die Wand und in die Küche des Nachbarn - sie hatten ein Haus zusammen. Dort saß die Frau von Paul Hoddevik, ca. einen halben Meter von dem Loch in der Wand entfernt, und niemand kam zu Schaden. Und die Schwester meiner Frau sprang hinein, um nach ihrer kleinen Tochter zu sehen, die allein in einem Stuhl saß, und da lag die Granate oben im Küchenschrank. Sie nahm sie und wollte sie wegbringen, aber da war sie so brennend heiß, daß sie sie auf den Fußboden setzte, doch auch da ging sie nicht los.
Wie es an jenem Tage war, als das mit St. Svithun geschah, den Anblick der Flugzeuge, das vergesse ich nie. Es waren insgesamt sechs Flugzeuge, die angriffen, und das, welches über uns hinwegflog, benutzte Phosphorgranaten - es war, als spuckte es Feuer aus. Es war bemerkenswert, daß überhaupt jemand aus dem ganzen mit dem Leben davonkam. Es waren sechs Flugzeuge
<9>, aber nur vier kamen aus allen Richtungen zurück und griffen das Schiff an.
Der Grund dafür, daß das Schiff angegriffen wurde, war vielleicht, daß man meinte, es habe Truppen an Bord - es war gesagt worden, es seien 1200 Deutsche in Ålesund an Land gegangen, und diese seien mit einem anderen Schiff weitergefahren. Es war wohl der Grund, daß sie angegriffen wurden, daß man meinte, es seien mehr Truppen an Bord. Es war wohl berichtet worden, es befänden sich Soldaten an Bord. Dies war mitten in den härtesten Kriegsjahren.
...
<10>
Es ist oft von einer Belohnung für eine solche Rettungstat die Rede. Aber ich habe so oft darüber nachgedacht. Die größte Belohnung, die man erhalten kann, ist die Erinnerung, mit der man zurückbleibt. Und ich für meinen Teil will niemals die Zeit missen, in der ich dabei sein und die Hand denjenigen reichen konnte, die Hilfe brauchten.


<1> St. Svithun-forliset ved Ervika 30. september 1943. I ei samtale med Magne Vik fortel Sverre S. Ervik om denne hendinga:, Segn og Soge Nr. 19 (1995), S. 23 ff. [Zurück]
<2> Die Bucht vor Ervik; zum Teil wird auch der Ort selbst so bezeichnet. [Zurück]
<3> Sechsrudriges Boot. [Zurück]
<4> Windstärke 7. Eine Übersicht über die norwegischen und deutschen Bezeichnungen der Windstärken finden Sie hier. [Zurück]
<5> Möglicherweise Buholmen (?). [Zurück]
<6> Dial., etwa "uns bedeckt halten", im Sinne von "vorsichtig sein". [Zurück]
<7> Ergänzung zum besseren Verständnis durch mich. [Zurück]
<8> Im Original halb englisch, halb norwegisch. Maschinenwärter für eine kleinere Hilfsmaschine, mit der Pumpen, Winden u. ä. angetrieben werden. [Zurück]
<9> Vermutlich bei dem ersten, mißglückten Angriff. [Zurück]
<10> Kürzung durch den Verfasser. [Zurück]

Erstellt: 29. August 2000 - Letzte Änderung: 18. November 2000