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1945: Kriegserinnerung von See

Nach dieser dramatischen Schilderung wollen wir unsere geschichtliche Betrachtung jener Zeit mit einem Erlebnis abschließen, das ebenfalls nicht der Dramatik entbehrt - wenngleich auf völlig andere Weise. John Håberg erinnert sich an eine spannende Begegnung auf See, auf deren mutmaßliche Erklärung er bis nach dem Kriege warten mußte:{1}

Es war Anfang Februar 1945. Gerade hatte die Beerdigung meines Großvaters auf Håberg stattgefunden, so daß ich dieses Ereignis gut zeitlich bestimmen kann. Es war mitten in der Heringsfischerei, und es herrschten Krieg und Verdunklung. Alle waren bestrebt, sich in diesen Mangelzeiten Lebensmittel zu beschaffen, und Hering und Köhler waren wichtige Nahrungsreserven, die es zu nutzen galt.
Ich war gerade 16 Jahre alt geworden und hatte die Erlaubnis erhalten, auf M/K
{2} "Harald" als "sei-dragar"{3} mitzufahren, und zwar eine Woche nach der Beerdigung meines Großvaters.
Es war ziemlich gutes Wetter, als wir auf "Harald" an Bord gingen und ausliefen. Aber wir waren noch nicht weit um Frekøya herumgekommen, als wir auf eine Dünung trafen, die dazu führte, daß es sich so anfühlte, als ob das kleine Boot auf dem Meer Berg- und Talbahn fuhr.
Es war vor der Zeit des Echolotes, so daß die Fischer bei Tageslicht hinausfuhren, damit sie die Landmarken im Gebirge sehen konnten. Dann legte man die Netze auf traditionellen Fischgründen aus und hoffte auf Glück. Sie beobachteten auch, wie sich havsula
{4} verhielt, die dazu dienen konnte, Hering aufzuspüren. Ich kann auch mitteilen, daß die Leuchtfeuer gelöscht waren und daß es die solide Ortskenntnis der Bootsführer war, die es ermöglichte, durch den Schärengürtel zu kommen, oft bei Dunkelheit und schlechter Sicht.
An diesem Abend wurde die Treibnetzkette auf Mebotnen gesetzt, ein gewöhnliches Feld für die Heringsfischerei. Es war dunkel, bevor alle Netze draußen waren - ich glaube, es war eine Kette aus ca. 35 Netzen. Es waren viele Boote auf dem Feld, und dort, wo wir lagen, hatten wir auf jeder Seite im Abstand von 3 - 500 Metern ein anderes Boot neben uns.
Nun wurde die Maschine abgestellt, um Öl zu sparen. Es wurde ein Karbidbrenner angezündet, der als Arbeitslicht dienen sollte. Das war eine Sache, die ziemlich fürchterlich roch, und die Mischung aus Bilgengeruch, Karbidgestank und Schlingern führte dazu, daß ich keine Lust verspürte, in die Kajüte zu gehen und am Abendessen teilzunehmen - ich fühlte recht und schlecht die Seekrankheit, und da war es gut, auf Deck in frischer Luft zu sein. Doch das war ebenso gut - ich sollte Kohlfische heraufziehen, und die Leine wurde klargemacht und über Bord gelassen.
Die Männer waren mit dem Abendessen fertig und legten sich in die Kojen. Der Skipper sagte, daß sie um 24.00 Uhr (das Netz)
{5} "fram-onde" einholen wollten, so daß der Kaffee um 23.30 Uhr fertig sein mußte. Das Einholen "fram-onde" bedeutete, daß 3-4 Netze eingeholt wurden und man nachsah, ob Hering darin war. Wenn es ungefähr 3-4 hl pro Netz waren, wurde die ganze Netzkette an Bord geholt. War weniger oder nichts darin, wurde das Netz wieder ausgelegt, um stehenzubleiben und bis zum Morgen zu fischen, so daß man "morgå-mondet"{6} bekam. Dieser "Mond" hatte auch etwas mit Ebbe und Flut zu tun und damit, wie hoch der Mond stand und wie voll er war.
Der Koch sollte aufbleiben, Wache halten und selbstverständlich den Kaffeekessel zur festgesetzten Zeit fertig haben, und so waren es er und ich, die diese Stunden auf Deck standen.
Es dauerte nicht lange, bis ich die ersten großen Köhler an Deck hatte - große dunkle Fische von 6-10 kg, und da war die Seekrankheit schnell überwunden. Als der Koch sah, daß ich Fisch hatte, rüstete sich ebenfalls mit einer Schnur aus und ließ sie in die Tiefe hinab. Wir standen ganz hinten in garnbingen
{7}, einer auf jeder Seite des Besan (des Segels am achteren Mast). Als die Männer geweckt wurden, herumsaßen und Kaffee tranken, hatte ich 16 große Köhler, und der Koch hatte 6 bekommen. Er hatte auch noch anderes zu tun, deshalb der unterschiedliche Fang.
Wir waren dabei, die Leine einzuziehen, als es eine kräftige Explosion gab. Für mich fühlte es sich an, als ob es unter meinen Füßen heraufschlug, kurz und kräftig. Diejenigen, die in der Kajüte saßen und Kaffee tranken, vernahmen den Knall noch viel stärker. Sie waren innerhalb weniger Sekunden an Deck und fragten sich, was das sein könnte. Aber derjenige, der am meisten von dem ganzen gemerkt hatte, war der Koch, der sich die Hände vor die Augen hielt und sagte, es habe einen Lichtblitz gegeben, und er sei erblindet.
Nun gab sich die "Blindheit" nach und nach wieder. Alle fragten wir uns, was das gewesen sein könnte - daß es mit dem Krieg zu tun hatte, daran gab es keinen Zweifel. Wir bekamen nie richtig zu wissen, wovon die Explosion herrührte, aber viele hörten den Knall, und es gab auch einige auf einem der Nachbar-Boote, die meinten, sie hätten eine Torpedospur an ihrem Boot vorbeiführen sehen.
Wir begannen mit dem Ziehen. Es waren nur wenige Heringe im Netz, und als wir drei Netze eingeholt hatten, hatten wir wohl ungefähr zwei Hektoliter zusammen. Da geschah etwas, was ich niemals vergessen werde, so lange ich denken kann. Aus der Dunkelheit, ohne Licht und ohne Geräusch (das wir hören konnten) kam ein Marineboot angerauscht, nicht mehr als 10-15 Meter von uns, und ging längsseits. Was wir am besten sehen konnten, waren das Wasser, das weiß an die Bordwand schwappte, und das Glühen von Zigaretten auf der Brücke. Wir standen wie gelähmt und schauten bloß, und jeder einzelne fragte sich, was nun passieren würde.
Dann riefen sie uns auf englisch an und fragten nach frischem Fisch, und das war es, was es uns leichter ums Herz werden ließ. Unser Skipper, der mehrere Jahre in Amerika gewesen war, hörte sofort, daß die, die da riefen, keine Engländer waren, so daß er ungefähr so auf norwegisch antwortete: 'Rede in deiner Muttersprache, dann geht es viel besser.'
Und norwegisch sprachen sie, ohne daß sie sagen wollten, wer sie waren. Einer von ihnen rief: 'Grüßt in Larsnes und weiter drinnen!' Also waren es auf jeden Fall Leute hier aus der Gegend. Der Skipper versprach Köhler und Hering und äußerte den Wunsch nach Kaffee und Tabak im Tausch, womit die Männer draußen in der Dunkelheit einverstanden waren. Nun mußte schnell unser Beiboot zu Wasser. Die Heringe, den wir auf Deck hatten, wurden in ein Hektoliter-Maß gefüllt und in die Jolle hinabgelassen. Und dann waren da noch die Kohlfische. Das waren meine. Ich glaube, es lagen noch 4 Stück da, als der Skipper und noch einer mit der beladenen Jolle zu dem Marineboot ruderten.
Ich glaubte, dort würde es zu einer Havarie kommen. Die großen Seitenwände des Marinebootes schlugen in den Wellen auf die Jolle hinab, so daß diese viele Male dabei war, umzuschlagen. Die Marineleute holten Heringe und Kohlfische hinauf, und dann warfen sie eine ganze Menge Büchsen in die Jolle. Der Steward kam mit zwei großen, weißen, frisch gebackenen Broten und ließ sie hinab. Plötzlich gab es einen Befehl auf der Brücke, und der verdunkelte Krieger war fort wie ein Schatten. Diejenigen, die in der Jolle waren, fanden kaum Zeit, auf Abstand zu gehen, bevor er weg war.
Ja, und dann hieß es, die Jolle wieder an Bord zu holen und nachzusehen, was sich in den Büchsen befand. Es war - um einen abgegriffenen Ausdruck zu benutzen - der reine Weihnachtsabend. Da waren 10-12 Büchsen mit feinem Rauchtabak, ebensoviele Büchsen Margarine, und das meistbegehrte waren wohl 5-6 kg gemahlener Kaffee. Dann gab es die beiden großen Weißbrote, eine Stange Zigaretten und zwei Büchsen heller "Golden Syrup".
Dann wurde das Netz wieder ausgelegt, der Kaffeekessel vom Kaffee-Ersatz gereinigt, und es wurde ein richtiger, frisch gebrühter, echter Kaffee bereitet. Man versammelte sich in der Kajüte, um weißes Brot mit ordentlich Butter und Sirup darauf zu essen - ja, das war ein Festtag in diesem letzten, an Nahrungsmittel knappen Kriegswinter.
Aber es war auch gefährlich, das war ganz klar für uns. Im Steuerhaus hing das wohlbekannte Plakat, das wie folgt lautete: "All forbinding med Tysklands fiender straffast med døden"
{8}, und wir wußten, daß das keine leeren Drohungen waren.
Wir sprachen darüber, auf welche Weise wir alles geheimhalten konnten, damit niemand erfuhr, was sich ereignet hatte. Das Brot und den Sirup aßen wir auf, während wir auf See waren, die Zigaretten wurden verteilt und alle Verpackungen ins Meer geworfen. Mit Margarine, Kaffee und Tabakbüchsen war es schlechter. Sie wurden in einer Tonne gesammelt, und mit Heringen bedeckt. Es bestand Einigkeit darüber, Sandshamn anzulaufen, um den Hering, den wir in der Nacht bekommen hatten, anzuliefern, und dort drinnen wollten wir versuchen, kleine Holzkästen zu bekommen und die Schätze darin zu verbergen. Kein Gegenstand durfte an Land kommen mit Ausnahme des Tabaks, den jeder Mann in seinem Tabaksbeutel hatte. Und niemand durfte auch nur ein einziges Wort über die Ereignisse erzählen - selbstverständlich.
Wie es besprochen worden war, so wurde es auch gemacht. Wir zogen am Morgen das Netz und bekamen ca. 100 hl Hering. Dann fuhren wir nach Sandshamn und lieferten den Fang an. An Bord kamen Holzkästen, die mit Margarine, Kaffee und Tabak gefüllt wurden. Dann wurden die Kästen auf dem Dach des Steuerhauses festgezurrt und gut mit Heringsblut und Schleim verschmiert.
Dann liefen wir von dort aus und wollten nach Haugsholmen. Wir nahmen die südliche Fahrrinne durch Håmannsundet, und als wir uns dem Gebäude des Kalkwerkes auf Voksa näherten, hielt ein deutsches Vorpostenboot (Wachboot) darauf zu und wollte dort anlegen, wozu es die ganze Bucht brauchte, um zu manövrieren.
Wir verstanden das so, daß es wir waren, die kontrolliert werden sollten - etwas, was nicht ungewöhnlich war, und wir rechneten damit, daß dies das Ende sein würde. Aber nach einigem Hin und Her mit dem deutschen Kapitän wurden wir weitergewunken, und die schlimme Anspannung löste sich nach und nach auf. Ich kann mich daran erinnern, daß gesagt wurde, wir hätten wenig Zeit - wir mußten sehen, daß wir hinauskamen und Heringe als Nahrung für das norwegische und deutsche Volk fingen.
Diesmal ging es gut. Es wurde niemals mehr über diese Reise gesprochen, auf der es vielleicht nahe daran war.
Ich trauerte etwas meinen schönen Kohlfischen hinterher, später in der Woche war keiner zu bekommen. Später, als ich die Bücher von Ragnar Ulstein über Shetlandsfarten las, fand ich heraus, daß das Boot, das wir getroffen hatten, der U-Boot-Jäger KNM "Hitra" gewesen war. Entweder waren sie schon in Skorpesundet gewesen oder wollten dort hinein, mit Waffen und Munition und um Leute abzuholen.
Als ich nun später den schön restaurierten U-Boot-Jäger "Hitra" gesehen habe und an Bord war, fühlte es sich an, als träfe ich einen guten, alten Bekannten. Es war mir, als erkannte ich die Linien des schlanken Rumpfes wieder, der damals aus der Dunkelheit geschlichen kam.


{1} Krigsminne frå sjøen, Segn og Soge Nr. 18 (1994), S. 45 ff. [Zurück]
{2} Abk. für Motorkutter. [Zurück]
{3} Wörtl. "Kohlfisch-Zieher". Gemeint ist die Fischerei nach K. mit einer Leine. [Zurück]
{4} Meereule. [Zurück]
{5} Ergänzung zum besseren Verständnis durch mich. [Zurück]
{6} "den Morgenmond". [Zurück]
{7} Platz im Heck, von wo aus die Netze ausgelegt werden. [Zurück]
{8} "Jede Verbindung zu Deutschlands Feinden wird mit dem Tode bestraft". [Zurück]

Erstellt: 29. August 2000 - Letzte Änderung: 18. November 2000