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1702: Der Fall Anne Olsdotter Humborstad

Gut 20 Jahre später, im Jahre 1702, erschütterte eine weitere Rechtssache mit tragischem Ausgang die Gegend um Hakallestranda. Auch hier ist es wieder Harald Molvik, der aus alten Quellen zitiert, einen Fall von (mutmaßlicher) Kindestötung lebendig werden läßt, ein bedrückendes Streiflicht auf damalige Gerichtspraxen wirft und gleichzeitig interessante Einzelheiten zu Galiholmen (Galgeholmen) auch aus neuerer Zeit zu berichten weiß:<1>

Innerst in Vanylvsgapet liegen Flugevågholmane. Steil und grau trotzen sie den schweren Seen, die von Statthavet hereinrollen, und an Sturmtagen im Winter bricht es sich oft weiß und gefährlich über Grynnefluda - wo in hellen Sommernächten kleine Kohlfische willig anbeißen können.
Der äußerste dieser Holme hat zum teil tiefes Moor zwischen den Felskuppen und trägt den Namen Galiholmen. Das deutet darauf hin, daß hier irgendwann in der Vergangenheit ein Galgen gestanden hat und der Holm als Richtstätte benutzt wurde.
Niemand weiß heutzutage darüber etwas sicheres, und ich weiß nicht, ob es schriftliche Quellen gibt, die Galiholmen in einem solchen Zusammenhang erwähnen. Es war wohl auch nicht gewöhnlich, daß die Richtstätten namentlich in Gerichtsprotokollen oder anderen Quellen genannt wurden. Das Gericht schien damit nichts zu tun haben zu wollen, und auch sonst sieht es so aus, als rankten sich Tabuvorstellungen auch in den Büchern um diese unheimlichen und abseits liegenden Orte, an denen die unglücklichen zum Tode Verurteilten ihren schweren Weg gehen mußten.

Während des letzten Krieges wurde Galiholmen teilweise als Ziel für die deutschen Kanonen auf Bergsnevet benutzt. Dabei geschah es, daß einige Holzbretter aus der Erde geschossen wurden und am Ufer landeten. Petter Frekøy, der in Flugevågen aufgewachsen ist und jetzt in Rønnestad wohnt, erzählt, daß er in einem der Kriegsjahre während einer Sommernacht "på nota" war - er hielt zusammen mit einer Netzmannschaft in Landnähe nach Heringen Ausschau. Das konnten oft lange Wartestunden für diejenigen werden, die dabeiwaren. Deshalb ruderten sie nach Rønnestad, um sich die Zeit zu vertreiben, und gingen beim Bootshaus von Alfred Rønnestad an Land. Dort lag ein Brett, das dieser am Ufer von Galiholmen gefunden hatte. Als sie es näher betrachteten, bemerkten sie, daß ein Kreuz hineingeschnitzt war. Darüber wunderten sie sich und scherzten mit Alfred, es müsse wohl ein Sargbrett sein, das er gefunden habe. Daraufhin begann Alfred über das nachzudenken, was der Volksmund über Galiholmen sagte und was er darüber gehört hatte. Später nahm er daher das Brett und ruderte damit zu dem Holm zurück. Wir wissen, daß sich Dinge, die im Moor liegen, über lange Zeit halten können, und Petter erzählt, daß das Brett ebenso weiß und frisch im Holz war, als wäre es am selben Tage hergestellt worden.

Er berichtet weiter, daß er zusammen mit seinen Nachbarn aus Flugevågen, Elias Honningsvåg und Alfred Flugevåg, dem Eigentümer des Holms, am nächsten Tage und mit Spaten ausgerüstet dorthin ruderte. Da gruben sie Bretter aus, die aussahen, als wären sie zu einer Kiste zusammengesetzt. Diese war überhaupt nicht zusammengenagelt, aber es fanden sich Bohrlöcher an den Kanten, so daß es so aussah, als sei sie durch Weidenband an den Ecken zusammengehalten worden. In der Kiste befanden sich einige verrottete Knochenreste und etwas Heidekraut, das frisch und grün aussah. Sie nagelten das ganze zusammen und vergruben es im Moor. Seitdem ist das alles nicht näher untersucht worden.

Wer zum Tode verurteilt war, durfte nicht in geweihter Erde ruhen. Er fand für gewöhnlich seine letzte Ruhestätte in der Nähe des Richtplatzes, und es war der Henkersknecht, Gehilfe des Scharfrichters, der die "unehrliche" Arbeit verrichten mußte, die Hingerichteten zu begraben. Darauf, daß Galiholmen seit alters her Richtstätte gewesen ist, deutet der Name hin (altnorwegisch: galgi = galge)<2>, und diejenigen, die ihr Leben ließen, wurden dort wahrscheinlich auch begraben.

Die letzte Sache, von der man meint, daß sie mit Galiholmen verbunden ist, geschah vor nicht allzu langer Zeit, so daß die erwähnten Bretter und Knochenreste von den sterblichen Überresten einer Frau herrühren können, welche die unglückliche Hauptperson in einem Drama war, von dem die Tingbücher berichten und das sich vor 285 Jahren zugetragen hat.

Haugsholmen wurde oft als Gerichtsstätte für Vanylven skipreide benutzt, und am 20. Juni 1702 trat dort ein außerordentliches Gericht zusammen. Sowohl der Vogt, "Velforneme Hr. Anders Hansen Møller"<3> und der Schreiber für Sunnmøre, Henning Tygesøn Castberg, waren zur Stelle. Darüber hinaus saßen folgende vereidigten Geschworenen "... udj. Vandelfuen Schibrede..."<4>: Elling Sighaug, Anders Olsson Hundsnes, Ola Rasmusson Strand, Ola Myklebust, Ola Vidnes, Ola Gregoriussen<5> Åram, Hans Pedersson Hauge und Kristen Olsson Voksa.

"... da blef Ef Qundfolch af Fengsell udlat og under vagt for Retten frembstillet ved Nafn Ane Olsdatter Homborstad..."<6>, wie es im Tingbuch heißt. Anne war in der Vogtei Nordfjord geboren und stammte vom Hof Homborstad in der damaligen Eid skipreide. Hierzulande wohnte sie nunmehr seit 20 Jahren, doch wird nicht erwähnt, aus welchem Grund sie hierhergekommen war. Sie wohnte alleine in einer kleinen Hütte auf Tunem und ernährte sich dadurch, daß sie umherzog und bettelte. Sie war ein Verhältnis mit einem verheirateten Häusler, Ola Pålsson Sjervem, eingegangen. Es heißt, daß dies das zweite Mal gewesen sei, daß sie sich auf diese Weise versorgt habe. Sie hatte ein Kind bekommen und wurde verdächtigt, dieses nach der Geburt umgebracht zu haben. Aus diesem Grund war sie am 11. Juni verhaftet und unter Bewachung in das Gefängnis bei Lensmann Laurits (Lars) Knutsson Haugsholmen gebracht worden.

"...Bemeldte Quindfolch..."<7> gab nun vor Gericht zu, daß sie vor ungefähr drei Wochen ein Mädchen zur Welt gebracht habe. Sie habe das Kind alleine und heimlich geboren und behauptete, es sei tot geboren worden. Sie habe es drei Tage bei sich gehabt, es dann aber in einen Hemdsärmel gewickelt und auf das Feld hinausgetragen, wo sie es unter einem Stein verborgen habe.

Sie erzählte weiter, daß sie drei Tage später wieder hinausgegangen sei, um unter den Stein zu sehen, aber da sei das Kind fort gewesen. Sie war, so wird es im Protokoll dargestellt, nachdrücklich aufgefordert worden, die Wahrheit dazu zu sagen, ob sie das Kind selbst weggenommen habe, aber antwortete dazu die ganze Zeit bestimmt nein, sie wisse nicht, wo es geblieben sei.
"...Videre blef quindfolchet Tilspurt om barne faderen olle Pofuelsen var Med Videre i Saadan hindis forseelse..."
<8>. Darauf antwortete sie, daß er das in keiner Weise gewesen sei.

Die Geburt habe vier Wochen zu früh stattgefunden, erzählte sie. Eines Tages, ungefähr 14 Tage später, habe sie draußen auf dem Feld gesessen. Da sei eine Nachbarsfrau gekommen, Anne Rasmussdotter, die Frau von Simon Tunem, und habe verlangt, sich ihre Brüste anzusehen. Dies sei ihr erlaubt worden, und Anne Olsdotter habe "...lod sig af quinden Melche..."<9>; so steht es geschrieben. Die Nachbarin fand so heraus, daß die andere ein Kind geboren haben mußte, und das sagte sie auch zu Anne Olsdotter, welche zugab, daß es so gewesen sei.

Die Nachbarinnen hätten bereits den Verdacht gehabt, was mir ihr geschehen wäre. Sie hatten es ihr auch vorgehalten, aber sie hatte jedesmal abgestritten, daß das der Fall sei.
Nun wurde sie vom Gericht gefragt, weshalb sie alles abgestritten hätte. Darauf antwortete sie, sie habe die ganze Zeit den Gedanken gehabt, zurück nach Hause in Nordfjord zu gehen, aber "...formedels hendis Svaghed..."
<10> sei daraus nichts geworden.

Die Geburt sei am Abend geschehen, berichtete sie, und gleich am Morgen danach sei sie wie gewöhnlich aufgestanden und habe sich frisch und stark gefühlt. Sie habe sich deshalb nichts anmerken lassen, bevor Anne Rasmusdotter sie aufgesucht und mit ihr gesprochen habe.

Anne Rasmussdotter konnte dem Gericht erzählen, daß die andere seit längerer Zeit etwas wunderlich gewesen sei. Sie sei "...meget Tych og underlig for Øyene at se..."<11> gewesen, und deshalb hätten alle, die sie sahen, gemeint, daß sie schwanger sei. Doch wenn sie diese Vermutung ihr gegenüber äußerten, habe sie immer bestritten.
Aber eines Tages, als sie auf dem Feld saß, sei sie unvermittelt "...megit Svang og Small..."
<12> gewesen. Anne Rasmussdotter hatte da keinen Zweifel mehr, daß die andere geboren hatte, und das war ja auch der Fall, wie zu lesen ist. Sie berichtete weiter, sie habe Anne Olsdotters Brust untersucht, und "...da fornamb hun der uar uraad paa ferde..."<13>, wie es in den Worten des Schreibers im Tingbuch heißt. Daraufhin gestand Anne Olsdotter der anderen, was geschehen war.
Anne Rasmussdotter berichtete nun, was sie bereits zuvor ihrem Mann und den Nachbarinnen erzählt hatte. Die Frau von Ola Tunem, Mildri, könne bezeugen, daß alles, was Anne Rasmussdotter berichtet habe, wahr sei.
Die beiden Tunem-Männer, Jens Knutsson und Ola Knutsson, leisteten vor dem Gericht einen Eid und konnten übereinstimmend bestätigen, was Anne Rasmussdotter bezeugt hatte. Sie erzählten, daß sie zu Anne Olsdotter gegangen seien, sie gefragt hätten, was mit ihr sei, ob es so sei, daß sie ein Kind geboren hätte und, wenn dem so sei, was sie damit gemacht hätte.
Sie habe daraufhin geantwortet, vor vierzehn Tagen ein Mädchen bekommen, es drei Tage später in einen Hemdsärmel gewickelt und unter einem Stein draußen auf dem Feld verborgen zu haben. Die beiden gingen in ihrer Begleitung auf das Feld hinaus und zu einer Stelle, die sie ihnen zeigte, um zu sehen, ob es so sei, wie sie gesagt hatte. Sie blickten unter den Stein, konnten aber nichts anderes erkennen als etwas, was wie Blut aussah, und sie sahen, daß um den Stein herum viel hohes Gras war, "...men Ingen lignelse der til kunde siunis noget baren der under at vere..."
<14>, so die Zeugenaussage dem Tingbuch zufolge.
Die Geschworenen wurden nun vom Vogt gefragt, ob sie wüßten, wie es um die Gefangene stand, ob diese zu irgendeiner Zeit nicht bei Sinn und Verstand gewesen sei. Sie antworteten, daß Anne sich seit 20 Jahren in der skipreide aufhalte und daß sie, soweit ihnen bekannt, stets im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte gewesen sei. Ihr Seelsorger, "...hans Erverdighet her Ibe Rambsberg..."
<15> konnte das gleiche bezeugen.

Nun wurde der Kindesvater, Ola Pålsson, vorgerufen, um seine Aussage zu machen. Er gab zu, der Vater des Kindes zu sein, das Anne bekommen hatte, behauptete aber, nichts von dem gewußt zu haben, was sie getan hätte, "...som ingen eller hannem kunde paa sige..."<16> , wie es im Tingbuch heißt. Erst acht Tage nach der Geburt hätte ihm Anne davon und was sie mit dem toten Kind gemacht habe, erzählt. Ola habe sie daraufhin gebeten, heim nach Nordfjord zu reisen, bis ihre Brüste wieder trocken wären.

Als Ola gefragt wurde, "...saadant hinde begerede..."<17>, antwortete er, er habe aufgrund dessen, was Anne getan hatte, gehofft, das Ganze könne geheimgehalten werden. Was er erzählt hatte, wurde von Anne dem Gericht bestätigt. Sie habe mit ihm über einen Zeitraum von 16 Wochen, zurückgerechnet vom achten Tage seit der Geburt an, nicht gesprochen. Dies wollte Ola nun beeiden.

Die Eidesformel wurde allen denjenigen verlesen, die in der Sache ausgesagt hatten, und sie wurden gleichzeitig streng ermahnt, nur das zu sagen, was wahr und richtig sei. Danach trat jeder einzelne vor und legte seinen Eid auf die Bibel ab, wie es das Tingbuch berichtet.

Nun wandte sich der Vogt an das Gericht mit der Frage, ob die Gefangene Anne Olsdotter nach dem Gesetz "...for saadan hindis grofue forseelse..."<18> bestraft werden solle. Verschärfend erwähnte er, daß der Häusler Ola Skjervem verheiratet sei und seine Frau noch lebte, und er beantragte, daß auch dieser nach dem Gesetz zu bestrafen sei und daß beide ihren Besitz, falls vorhanden, an die Staatskasse verlieren müßten.
Mit den gewöhnlichen Formulierungen im Protokoll leitete der Schreiber dann den Wortlaut des Urteils über Anne ein. Es entsprach dem Antrag des Vogtes und stand im Einklang mit der rechtlichen Folge für Kindestötung, deren sie für schuldig befunden worden war:

"...End efterdj quindfolchet Anne Olsdatter Self her for Retten bekiender, at hafue fød sit barn i dølsmaader..."<19>, heißt es, und es wird nachfolgend alles aufgegriffen, was sich während des Verfahrens ergeben hatte, "...huor fore afsiges herom i dag for Rettest ... At Anne Olsdatter bør lide efter hans Ko.Ma. Naadigste laugs Siette boegs 6-te Capit, 7. og 8. Art. at bøde sin gjerning med sin hals sampt hindis hofuet paa en Paalle oppsettis..."<20>. Ihr gesamtes Eigentum wurde der königlichen Kasse zugesprochen, doch die anwesenden Kirchenvertreter und die Geschworenen konnten bezeugen, daß sie nichts hatte "...uden Klæderne paa kroppen..."<21>.

Zugleich wurde gesagt, daß der Häusler Ola Pålsson, der ebenfalls nicht "...det Ringeste er Eyende..."<22>, auf das strengste der kirchlichen Disziplinierung zu unterwerfen sei. Er sei dadurch zu bestrafen, daß er bei Vanylvskyrkja (St. Jetmundskyrkja) an drei aufeinanderfolgenden Sonntagen am Halseisen zu stehen habe.

Von Gesetzes wegen waren alle Todesurteile durch den Vorsitzenden des Berufungsgerichtes zu bestätigen. Anne mußte daher "undere vagt og varetegt"<23> nach Bergen überführt werden, wo sie am 31. August dem Vorsitzenden vorgeführt wurde, welcher das Urteil bestätigte.
Die sechs Männer, die Anne nach Bergen brachten, bekamen durch den Vogt jeweils 3 riksdl.
<24> und 1 ort vergütet, und darüber hinaus wurden für die Benutzung eines Bootes 1 riksdl. und 16 sk.<25> bezahlt.<26> Welche "Unterkunft" Anne in der Stadt zuteil wurde, ist nicht bekannt, doch wurden dafür 3 ort bezahlt. Bei den Männern handelte es sich um Simon Toresson Nes, Klemmet Molvik, Salamon Rønnestad, Pål Rønnestad, Mons Olsson Voren und Ola Rasmusson Voren.
Bauernlensmann Lars Knutsson auf Haugsholmen quittiert im Kassenbuch des Vogtes für 10 riksdl., 2 ort und 20 sk., die er für Verpflegung und Bewachung von Anne in der Zeit ihrer Gefangenschaft bei ihm aufgewendet hatte - vom 11. Juni bis zum 19. September, dem Datum der Hinrichtung.

Der Henker, "Mestermand paa Sundmør"<27>, Jon Pedersen, bestätigt den Empfang von 4 riksdl. für die durchgeführte Hinrichtung und eine Reise von 8 Meilen zu und von der Richtstätte. Weder der Scharfrichter noch die Begleitpersonen<28> konnten schreiben; sie haben alle mit ihrer bumerke<29> "unterschrieben". Die Quittung des Henkers scheint vom Vogt selbst geschrieben worden zu sein; sie ist in Galtevågen (Bjørkavågen auf Sula) verfaßt, wo sich der Amtssitz des Vogtes befand.
Wo die Hinrichtung stattfand, wird nicht näher angegeben, als daß es in Vanylven skipreide war. Doch wie bereits erwähnt, liegt es nahe, zu glauben, daß es auf Galiholmen gewesen ist, wovon auch die Volksmeinung ausgeht.

Vor Gericht vertrat der Vogt die Anklage. Irgendeine Form rechtlichen Beistands für den Angeklagten war vor Mitte des 18. Jahrhunderts nicht üblich, und man darf annehmen, daß viele von denen, die vor Gericht gestellt wurden, eher wirtschaftlich schwache Personen waren, noch dazu Analphabeten, die sehr wenig zu ihrer Verteidigung ausrichten konnten.
Das makabre Urteil gegen Anne Olsdotter stand in voller Übereinstimmung mit dem Gesetz Kristians des V., wo es im Kapitel "Om Manddrab"
<30> heißt: "Letfærdige Quindfolch som deris Foster ombringe, skulle miste deris Hals, og deris Hoved sættis paa en Stage..."<31>. Weiter heißt es, daß solche Frauen, die ein Kind heimlich zur Welt bringen, ohne sich "...de ordentlige beskikkede Midler som hende og Fosteret i saadant Tilfald kunde betiene og samme Barn borte bliver..."<32> in gleicher Weise zu bestrafen seien, als hätten sie das Kind vorsätzlich getötet.

Und genau das war in diesem Fall geschehen. Es ist in keiner Weise bewiesen worden, daß Anne die Unwahrheit gesagt hatte, als sie behauptete, das Kind sei eine Totgeburt gewesen. Wenn es richtig war, daß die Geburt vier Wochen zu früh stattfand, so kann das wohl auf die Wahrheit ihrer Aussage hindeuten. Gleichwohl erhielt sie die härteste Strafe, ohne daß wir erkennen können, daß etwas ihrer Schuld, für die sie verurteilt wurde, bewiesen werden konnte.
Doch auch das stimmte ganz mit den Buchstaben des Gesetzes überein. Im 17. und 18. Jahrhundert setzten die Herrschenden ihr Vertrauen in gnadenlose Gesetzesbestimmungen und versuchten, die Moral der Bevölkerung mit Hilfe barbarischer Strafen zu kontrollieren. Worüber man sich dennoch am meisten wundern muß, ist, daß Nachbarn und andere Ortsansässige so oft aktiv an einem Prozeß teilnahmen, von dem sie wissen mußten, daß er Nachbarn oder Verwandte vor Gericht und vielleicht in die Hände des Henkers führen konnte.

In diesem Fall wissen wir sehr wenig über Annes Hintergrund und darüber, was für ein Mensch sie im Grunde war. Wir wissen, daß sie von außerhalb zugezogen war und aus dem einen oder anderen Grunde in einer Hütte auf Tunem wohnte. Ob sie dort Verwandte hatte, wird nicht erwähnt, aber so, wie sie in den Gerichtsakten beschrieben wird, deutet alles darauf hin, daß sie alleine, von Bettelei und vielleicht auch zum Teil Prostitution lebte.
Ihr Alter ist nicht angegeben. Wie es für Gerichtsprotoklle aus jener Zeit üblich ist, bleibt der Angeklagte sehr anonym. Alter, Familienverhältnisse und sonstige Hintergründe fließen in keiner Weise in die Beurteilung des Schuldvorwurfes ein. Wenn Anne im Erwachsenenalter in die Gegend gekommen sein sollte, und das ist höchstwahrscheinlich der Fall gewesen, weil sie als innflyttar
<33> bezeichnet wird, und sich dort etwa 20 Jahre aufgehalten hat, wie erwähnt wird, so läßt dies die Annahme zu, daß sie etwa 40 Jahre alt gewesen sein muß, als sie ihr Leben ließ.

Es könnte naheliegen zu glauben, daß dieser Fall eine klare Tendenz zur Frauendiskriminierung aufweist. Ola wurde weder der Mitwisser- noch der Mittäterschaft bei dem angeklagt, für das Anne verurteilt wurde. Er wurde wegen Ehebruchs verurteilt und mußte von Gesetzes wegen sein Eigentum verlieren. Wie das Tingbuch berichtet, hatte er keines, mußte jedoch die härteste kirchliche Disziplinarstrafe erleiden.
Man hat den Eindruck, daß die Nachbarn, besonders die Frauen, großen Eifer daran setzten, die Sache ans Licht und Anne vor Gericht zu bringen. Das deutet darauf hin, daß sie in der Gegend nicht wohlgelitten war. Wie es zumeist bei Bettlern der Fall ist, wurde sie wohl als eine Plage angesehen, wenn sie von Hof zu Hof ging und sich ihre Lebensmittel erbettelte. Es war eine Epoche starken sozialen Ungleichgewichtes: wachsende Armut und Kampf um knapper werdende Vorräte. Statistiker meinen nachweisen zu können, daß das ganze 15. Jahrhundert und die Zeit bis weit hinein ins 18. Jahrhundert eine Zeit drastischer Klimaänderungen mit Temperaturen weit unter den Durchschnittswerten der letzten hundert Jahre waren. Eine ländliche Gesellschaft mit ihrer totalen Eigenversorgung war durch solche Änderungen sehr verletzlich und hatte wenig übrig für die vielen, die aus ihr herausfielen.

Es ist deshalb vielleicht nicht so schwierig, sich vorzustellen, daß sich die Leute eine solche (wie Anne)<34> weit weg wünschten und hier eine Chance sahen, sie loszuwerden. Wenn besonders die Frauen so aktiv waren, so hing das vielleicht auch mit dem schlechten Ruf zusammen, den sie in der Gegend hatte, und daß sie um ihre Männer fürchteten.
Doch das meiste hiervon bleibt Spekulation. Welchen Hintergrund die unglückliche Anne Olsdotter und ihr Schicksal hatten, wird heute niemand mehr in Erfahrung bringen können. Wir wissen nur, daß sie das wehrloses Opfer einer harten Epoche mit einer Gesellschaftsordnung war, in die wir uns in unserer Zeit des Wohlstandes nur schwer hineinversetzen können.

 

Wortlaut der Quittung der sechs Männer, die Anne Olsdotter nach Bergen überstellten:

Kiender vi underskrevne, nembl. Simen Toresen Næss, Clemmet Moldvigen, Salmund Rønnestad, Povel ibidm,<35> Mogens oles. Voren, og Ole Rasmussen ibidm, som fremførte den fange Ane ols datter till Bergen, huor hun av laugmanden blev dømt fra livet, at Kongl. Maist. foget Sr. Andreas Hanssen Møller, havet betalt een hver av os, udj førenschab 3 rixdl. 1 ort, og for Baad 1 rixdl. 16 sh. giør tilsamen Penge tyve rixdl. fire og sextj shilling vj hermed vedbørlig quiterer.
Hougsholmen tingsted d. 10-de Novemb. Anno 1702.
........................Simen Ness....................................................Clement Moldvigen...........................Ole rasm rasmusson
...........................sit boe............................................................sit boe merche................................Volens boemerche.
..........................merche.

.....................Povel rønnestad.................................................Salmund rønnestad..................................Mons Voren
........................sit boemerche.......................................................sit boemerche....................................sit boemerche

Wortlaut der Quittung des Henkers:

Kiender Ieg undertegnede Mestermand paa Sundmør Johan Pedersen, at Kongl. Maist. Foget over Sundmør Sr. Andreas Hanssen Møller, haver betalt mig for det fangne quindfolk ane olsdatter efter laugmandens Dom, og Stiftsamtmand Stochflets paa tegning at have hen Rettet i Vandelvens Skibrede, for min Reise 8-te Miile, og hen refselse Penge fire Rixdl. huilche 4 rxdl. underdan. formoder udj Fogdens Regneskab igien vorder gott giort, till Bekreftning under Mit Boe Merche.
Galtvogen d. 22. Septr. Ao. 1702.
................................................................Jon........................Pedersen
.........................................................................................Boe Merche


<1> Ei tragisk hending i 1702 - Saka mot Anne Olsdotter Humborstad, Segn og Soge Nr. 11 (1987), 19 ff. [Zurück]
<2> Galgen. [Zurück]
<3> "der hochvornehme Herr Anders Hansen Møller". [Zurück]
<4> "aus Vanylven skipreide". [Zurück]
<5> Fußnote des Autors: Der Name Gregorius ist unbekannt. Es muß Ola Monsson (1659-1718) gewesen sein, der Geschworener war. [Zurück]
<6> "... da wurde eine Frauensperson mit Namen Ane Olsdatter Homborstad aus dem Gefängnis geholt und unter Bewachung vor Gericht gestellt...". [Zurück]
<7> "...Besagte Frauensperson...". [Zurück]
<8> Etwa: "Weiter wurde die Frauensperson gefragt, ob der Vater des Kindes, Ola Pålsson, an der Verfehlung beteiligt (wohl: Mitwisser) gewesen sei...". [Zurück]
<9> "... habe sich von der Frau melken lassen...". [Zurück]
<10> "...aufgrund ihrer Schwäche...". [Zurück]
<11> Etwa "sehr dick und ein seltsamer Anblick". [Zurück]
<12> "...sehr schlank und schmal...". [Zurück]
<13> "...bemerkte sie, daß etwas nicht stimmte...". [Zurück]
<14> Etwa "...aber nichts, worunter ein Kind sein könnte...". [Zurück]
<15> "...Seine Ehrwürden Herr Ibe Rambsberg...". [Zurück]
<16> Etwa "...was niemand, und auch sie nicht, behaupten dürfe...". [Zurück]
<17> "...warum er das von ihr verlangt habe...". [Zurück]
<18> "...für ihre schwere Verfehlung...". [Zurück]
<19> "...und nachdem die Frauensperson Anne Olsdatter hier vor Gericht selbst bekundet hat, ihr Kind heimlich geboren zu haben...". [Zurück]
<20> "weswegen heute für Recht erkannt wird ... Daß Anne Olsdatter entsprechend dem Siebten Buch, 6. Kapitel, Artikel 7 und 8 des Gesetzes Seiner Gnädigsten Königlichen Majestät zu bestrafen ist und ihre Untat mit ihrem Hals zu büßen hat sowie ihr Kopf auf einen Pfahl aufzusetzen ist...". Kürzung durch mich. [Zurück]
<21> "...außer den Kleidern auf dem Körper...". [Zurück]
<22> "...das geringste besitzt...". [Zurück]
<23> "in Bewachung und Gewahrsam". [Zurück]
<24> riksdaler. [Zurück]
<25> skilling. [Zurück]
<26> 1 ort entsprach 24 skilling à 3 1/2 øre oder 1/5 riksdaler. [Zurück]
<27> "Meister zu Sunnmøre". [Zurück]
<28> auf der Reise nach Bergen. [Zurück]
<29> Eine Markierung, mit der Gerätschaften als Eigentum einer bestimmten Person gekennzeichnet wurden. Sie wurde auch als Unterschrift bzw. Namenszeichen verwendet. [Zurück]
<30> Etwa "Tötungsdelikte" im heutigen Sprachgebrauch. [Zurück]
<31> "Leichtfertige Frauenspersonen, die ihre Säuglinge umbringen, sollen ihren Hals verlieren, und ihr Kopf soll auf eine Stange gesetzt werden...". Der Ausdruck 'lettferdig' wird heute in Rechtssachen im Sinne von 'fahrlässig' gebraucht - ich nehme an, daß er zu damaliger Zeit keine Schuldform bezeichnete, sondern eher ein moralisches (Un-)Werturteil über den Täter darstellen sollte. [Zurück]
<32> Etwa "...der für sie und den Säugling in diesem Fall gebotenen Mittel zu bedienen, und das Kind daraufhin stirbt...". Dies scheint nach meinem Verständnis eher eine fahrlässig begangene Tat zu umschreiben. [Zurück]
<33> innflyttar = eigentl. Einwanderer, hier wohl eher: Zugezogene, Zugereiste. [Zurück]
<34> Ergänzung zur Klarstellung durch mich. [Zurück]
<35> ibidem = derselbe, also gleichen Nachnamens. [Zurück]

Erstellt: 29. August 2000 - Letzte Änderung: 18. November 2000