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1920: Das Unglück von Ervik

Machen wir nun einen großen Sprung in der Zeit und lassen Harald Molvik erneut zu Wort kommen. Diesmal berichtet er (nach einer Erzählung von Sverre S. Ervik, dem wir später noch einmal begegnen werden), von den Gefahren, die auf Stadhavet lauern und die - nicht nur im Jahre 1920, von dem hier die Rede sein wird - , sondern über alle Zeiten hinweg zugeschlagen haben und dies auch in Zukunft tun werden:<1>

Es war an Marimessdagen<2>, Donnerstag, dem 25. März 1920. In Ervika, weit draußen auf Stadlandet, bereiteten sich die Männer darauf vor, auf See hinauszufahren. Obgleich es ein schöner Morgen war, waren an diesem Tage die Wetterzeichen nicht so gut. Den Älteren, die mit den alten Anzeichen vertraut waren, mißfiel der Luftzug, wurde gesagt. Jon H. Ervik, genannt Haldor-Jo, sprach darüber mit seiner Schwiegertochter. Er meinte, sie brauchte an diesem Morgen keinen Torf zu holen: "Wir kommen bald wieder. Es gibt bestimmt schlechtes Wetter. Ich kann Holz holen, wenn ich zurück bin", sagte er.
Doch zunächst fuhren die Boote gleichwohl hinaus, eines um das andere. Es schien, als wolle es jeder versuchen, wenn alle anderen in See gingen. Jo hatte ein Boot, und mit ihm im færing
<3> hatte er seinen Bruder, Ola Ervik, welcher auf Drage wohnte für gewöhnlich Elva-Ola genannt wurde.

Daheim gingen Frauen und Kinder daran, Scheunen und Stuben zu versorgen. Es war ein Tag wie jeder andere, ein gewöhnlicher Arbeitstag, an dem alle etwas zu tun hatten. Der März war bald vorbei, und es ging auf das Frühjahr zu. Zunächst sah niemand besonders auf das Meer hinaus. Es sah aus, als wäre das Wetter gut. Weiter im Landesinneren merkte man noch weniger den plötzlich aufkommenden Wind, der in kurzer Zeit Orkanstärke erreichte.

Als die Daheimgebliebenen dazu kamen, einen Blick auf die See hinauszuwerfen, sahen sie, daß da draußen alles weiß war - die Gischt stieg bis hoch in die Berge empor. Wie Wartende sind, bekamen alle Angst. Sie kamen zusammen und unterhielten sich, aber wie gewöhnlich konnte niemand etwas tun. Sie konnten nur hoffen, daß die Männer wieder an Land rudern konnten.
Doch genau das war es, was die wenigsten an diesem Tage schafften. Mittlerweile war nicht mehr daran zu denken, gegen den Sturm anzukämpfen, der ständig stärker wurde - sie konnten nur die Boote lenzen und versuchen, sich bestmöglich zu retten.
Es war zur Zeit der Dorschfischerei, und viele Boote befanden sich draußen - große und kleine. Ein größeres Boot war "Ulabrand" mit Schiffsführer Johannes I. Leikanger. Diese sahen, was mit den kleinen Booten geschehen würde, und alle kappten ihre Netze mit allem, was darin gewesen sein konnte, und gingen sofort daran, diejenigen zu bergen, die hilflos davontrieben.

Doch alle mußten aufgeben, als weiter nördlich Fallwinde mit ungeheurer Gewalt die Berge herabkamen, besonders nördlich von Kjæringa<4>. Zwei der færingane waren dabei, auf die Schäre Tjuen zu treiben. "Ulabrand" ging so nahe heran, wie es möglich war. Aber da fiel die Maschine aus, und es bestand Lebensgefahr für alle. Doch dann ging das Segel empor, und mit dessen Hilfe und großer Seemannschaft wurden diejenigen, die sich an Bord der beiden færingane befanden, gerettet.

Diejenigen Boote, die am dichtesten unter Land lagen, wurden am härtesten betroffen. Innerhalb von Tjuen liegt eine Schäre, die Revet genannt wird. Eines der Boote trieb direkt darauf zu. Die beiden an Bord versuchten, mit dem Tode vor Augen, alles in ihrer Macht stehende, um von Revet klarzukommen. Doch sie schafften es nicht; Sturm und See waren zu stark. Sie rechneten damit, daß dies das Ende sein würde. Sie legten sich unter die Ruderbänke, gaben sich in die Gewalt Gottes und warteten auf den Tod. Da geschah es wie ein Wunder - eine Riesenwoge erfaßte den færing und warf ihn direkt über die Schäre, ohne daß er zerschmettert wurde. Auf der anderen Seite lag ein Fischdampfer, nahm sie auf, und sie waren gerettet.

Als der færing mit Haldor-Jo und seinem Bruder Ola nördlich von Kjæringa war, kam ein Fallwind und brachte das Boot zum Kentern. Kurz darauf kamen zwei andere Boote hinzu. Diese nahmen je einen der beiden an Bord. Das Boot, welches Jo aufgenommen hatte, kenterte später ebenfalls, und alle kamen ums Leben. Einer von denen, die Ola aufgenommen hatten und sich retten konnten, wurde später der Schwiegervater von Sverre S. Ervik, der folgende Begebenheit erzählt: An einem stürmischen Abend, viele Jahre später, saßen sie zu Hause und sprachen über den Unglückstag im Jahre 1920. Sverre kann sich erinnern, daß seine Großmutter, Jo's Witwe, ungefähr folgendes sagte: "Was würde ich dafür gegeben, wenn Du Jo aufgenommen hättest." Darauf antwortete der andere: "Niemand wußte an jenem Tag, wer Land erreichen würde."

Der Sturm war so gewaltig, daß ein færing nach dem anderen umgeworfen wurde. Es wird gesagt, daß 4 Boote mit insgesamt 9 Männern im gleichen Augenblick kenterten. Alle die konnten, versuchten denen zu helfen, die auf dem kieloben treibenden Boot lagen und um ihr Leben kämpften, doch die meisten hatten mehr als genug mit sich selbst zu tun.

Haldor-Hans - der Bruder von Jo - und Torstein-Per, sein nächster Verwandter, waren zusammen in einem færing. Sie gehörten gewiß zu den Ältesten, die an diesem Tage auf See waren. Hans und Per waren ganz bis nördlich der Untiefen bei Årvik gekommen, als sie aufgenommen und nach Årvika gebracht wurden.
Als sie zu einem Hof wollten, legte sich Haldor-Hans neben ein Bootshaus und wollte nicht mehr. Sein Sohn war einer derjenigen, die Jo aufgenommen hatten und später alle umkamen. "Du mußt kommen, Hans", sagte der andere, doch Hans wollte und konnte nicht. Er war sicher, daß sein Sohn umgekommen war. "Du kannst noch nicht sicher sein", sagte Per zu ihm. "Oh doch, ich bin sicher", antwortete Hans, und er behielt recht. Danach wurde Hans nie mehr der Mann, der er einmal war. Es wird erzählt, daß er oft dastand, als wäre er nicht von dieser Welt, lauschte und nachdachte.

Es waren Anders Ervik und Hans Bellen, die Haldor-Jo von dem gekenterten Boot aufnahmen, doch nicht viel später kam die Reihe auch an sie. Sie wurden umgeworfen, und alle verloren ihr Leben. Ihre Witwen bekamen später eine jährliche Rente<5> von Heltefondet<6>.

Haldor-Jo wurde nicht gefunden. Petter Sjåstad und Sigvald Bellen waren ganz bis in Buholmsundet hineingekommen, als ihr Boot umgeworfen wurde. Man fand später die Leiche von Petter auf Erviksanden<7>, doch Sigvald wurde nie gefunden. Man erzählt sich, daß seine Eltern mehrere Tage an das Ufer gingen, suchten, in angeschwemmtem Tag gruben und hofften, ihren Jungen zu finden. Vielleicht war er auch dorthin gelangt, wo sein Kamerad gefunden worden war. Seine Mutter klagte: "Ach, könnte ich doch nur einige Reste finden und in meiner Schürze sammeln, wäre ich so dankbar." Da hätte sie ein Grab gehabt, zu dem sie mit ihrer Trauer hätte gehen können, doch man fand ihn nicht mehr.

Johanne Ervik war nicht zu Hause, als es geschah, sie war die Fjorde hinauf zu ihren Töchtern, Pernille und Dina, gereist. Bei den meisten Menschen gab es seinerzeit weder Telefon noch Radio. Olai Molvik kam am nächsten Tag von See zurück und konnte die traurige Botschaft mitbringen, daß sein Schwiegervater umgekommen war. Als er wieder in Molvika ankam, war Johanne, seine Schwiegermutter, gerade zu Pernille auf Håberget gegangen. Als sie später nach Molvika zurückkehrte, saßen die anderen in der Stube und weinten, und nun mußte sie hören, daß ihr Mann umgekommen war. Sicherlich waren es für sie viele schwere Stunden und Tage in den folgenden Jahren.

Vieles war schwer zu tragen und schwierig für die Hinterbliebenen eines solchen Ereignisses. Anders H. Ervik (Haldor-Anders) war 34 Jahre alt, als er auf See blieb. Er war frisch verheiratet, und sie erwarteten ein Kind. Sie hatten gerade ein neues Haus bezogen, und nun stand seine Frau alleine mit dem neuen Heim da. Anders wurde viele Wochen später in Rekvika bei Otneim gefunden. Er war in einem schlechten Zustand, doch seine Mutter erkannte ihn an einem Strumpfband, das sie ihm zu Weihnachten gestrickt hatte. Haldor Dalsbø hinterließ eine 8-köpfige Kinderschar, während der neunte, der 16jährige Hilmar, zusammen mit seinem Vater umkam. Ein anderer 16jähriger war der zuvor erwähnte Sigvald Bellen. Bei Anders Svehaug waren es 6 Kinder, während seine Frau das siebente erwartete. Es wurde später im Jahr geboren. Alle mit Ausnahme der beiden Jungen waren verheiratet und hatten Kinder, so daß es zu einem schmerzhaften Einschnitt in die Bevölkerungszahl dieser kleinen Landgemeinde kam.

Es kamen nicht zurück: Jon H. Ervik, Anders H. Ervik, Haldor Dalsbø, Hilmar Dalsbø, Anders Svehaug, Hans Bellen, Sigvald Bellen und Petter Sjåstad.

Doch das Leben und der Kampf um den Lebensunterhalt mußten auch hiernach weitergehen. Oft wurde in den darauffolgenden Tagen gesagt, es täte weh, zur See zu gehen, wo so viele tot waren, die zur Mannschaft gehört hatten. Aber die meisten fuhren bereits am nächsten Tag hinaus, als ob nichts geschehen sei.
Viele Jahre und Tage sind seitdem vergangen, und viele sind auch später im Kampf mit dem Meer ums Leben gekommen. Doch der unglückliche Märztag im Jahre 1920 wird immer im Gedächtnis derer bleiben, die ihn miterlebt haben, und er wird stets ein trauriger Gedenktag für die Bevölkerung dort sein - weit draußen an der Küste von Vesterhavet
<8>.


<1> Ervik-ulykka 1920. (Etter forteljing av Sverre S. Ervik), Segn og Soge Nr. 14 (1990), S. 31 ff. [Zurück]
<2> Mariä Verkündigung, eigentlich 15. August. In Norwegen gibt es zwei Tage gleichen Namens, die wie folgt unterschieden werden: 25. März = Marimesse om våren, 15. August = Marimesse om høsten. [Zurück]
<3> færing = ein vierruderiges Boot. [Zurück]
<4> = Kjerringa. [Zurück]
<5> Im Original: påskjøning - eigentlich: Belohnung. [Zurück]
<6> Wörtl.: Heldenfond. Einrichtung, um die Hinterbliebenen von Personen zu unterstützen, welche bei der Rettung anderer ums Leben gekommen waren. [Zurück]
<7> Der Strand bei Ervik. [Zurück]
<8> Lokale Bezeichnung für Norskehavet (die Norwegische See). [Zurück]

Erstellt: 29. August 2000 - Letzte Änderung: 18. November 2000