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1602: Zum Namen Hakallestranda

Beginnen wir unseren Streifzug durch die Geschichte mit einer Betrachtung des Ortsnamens Hakallestranda, die Jostein Krokvik im Jahre 1993 angestellt hat<1> und die ich hier etwas gekürzt wiedergebe:
...
Håkallen (606 m) liegt oberhalb Hakallestranda, doch ist, soweit man weiß, dieser Name hierzulande nie benutzt worden. Zu meiner Zeit - und weit früher, ja vielleicht immer, seit der Berg einen Namen bekommen hatte - war sein Name Nystøylhornet oder gelegentlich Veten. Dieser letzte Name war damals die Bezeichnung sowohl für die Bergspitze als auch für die steinerne varde
<2> darauf. Wie der Berg geheißen haben mag, bevor Nystøylen gebaut wurde und man die varde errichtete, weiß ich nicht und wohl auch niemand anders. So soll es damit sein Bewenden haben. Der andere Berg im Titel, Kjerringa, liegt, wie alle wissen, in einer ganz anderen Gegend - in der Gemeinde Selje auf der Außenseite von Stad, 496 m hoch. Auch auf Kjerringa befindet sich eine varde oder vete; er ist einer der alten Ausguckposten aus der Zeit Håkons des Guten oder aus noch früherer Zeit. Sowohl Kjerringa als auch Håkallen sind von See her ins Auge fallende Landmarken, aus großer Entfernung sichtbar.
...
Man sagt, daß der Name Håkallen von den Bewohnern der nördlich gelegenen Inseln benutzt wurde, oder doch zumindest von Menschen, die zur See fuhren. Er bedeutet Høgekallen, und so sieht er auch aus, wenn du dich ihm höflich von unten näherst - ein hoher und aufrechter Gebirgskerl mit spitzem Gipfel. Es ist eine lange Wegstrecke zwischen Håkallen und Kjerringa,...
Die beiden Gebirgsformationen sind eher verschieden. Während Håkallen eine Bergspitze ist, wie es sich für ihn gehört, ist Kjerringa eher ein abfallender Gebirgsrücken, der sich wellenförmig erstreckt bis er schließlich steil auf Stadhavet abfällt. Der Namensforscher Eivind Vågslid schrieb einmal, daß der nicht ganz ungewöhnliche Ortsname Kjerringa mit den weiblichen Formen der umgebenden Landschaft zusammenhinge, und er hat wohl recht. Aber weiblich oder nicht - es soll nicht bestritten werden, daß es um Kjerringa herum auf Ytre Stad zeitweise alles andere als mild und anschmiegsam sein kann.

Håkallen und Hakallestranda<3>
Nach einer der beiden Namenstheorien ist Håkallen Grundlage für den Namen Hakallestrand. Dies ist eine eher neuere Betrachtungsweise, jünger als dieses Jahrhundert. Bjarne Rabben schreibt in Soga om Sande og Rovde, Band II, 1976, daß sich die Menschen im Laufe der Zeit diesen Zusammenhang in freier Phantasie ausgedacht haben, nachdem sie gehört hatten, der Name Håkall sei auf den nördlichen Inseln in Gebrauch. Der grundlegende und richtige Name sollte in diesem Falle eher Håkallestranda sein.
Ist diese Theorie zutreffend, so haben die Bewohner von Hakallestranda ihre Heimat nach einem von außerhalb geholten Gebirgsnamen getauft, einem Namen, der vor Ort nicht in Gebrauch und nicht einmal allen bekannt war. Schließlich sind es immer noch die Bewohner, die im Laufe der Zeit durch ihren eigenen Sprachgebrauch den Ortsnamen bestimmen. Gleichzeitig haben sie einen alten Namen für den Berg benutzt, den sie als Ortsnamen verworfen hatten. Ist das wahrscheinlich? ... Auch ist behauptet worden, Håmannsundet, nahe Åramsundet gelegen, habe seinen Namen nach Håkallen erhalten. Ja, wer weiß? Håkallen und Håmannen sind zwei Worte gleicher Bedeutung, nämlich Høgemannen.
<4> Nun wird ein Sund gerne von Menschen benannt, die zur See fahren, und das sind nicht nur Ortsansässige. Auch kann ein großer Mann seit altersher alles mögliche sein, zum Beispiel ein Fremder, ein zugereister Diener, Beamter oder dergleichen. Wir sollten also vorsichtig sein, Håkallen vom Gebirge an den Strand zu versetzen.

Die unbekannte Hakatla
Nach der anderen Namenstheorie hat Hakallestranda seinen Namen nach einer Frau namens Hakatla. Man denkt sich, daß dies die erste Frau gewesen sein muß, die hier gewohnt hat, oder vielleicht eher die erste nach der Pest, und damals die einzige - aber das ist reine Raterei und freie Dichtung. Um 1758 herum schreibt Hans Strøm seine bekannte Schilderung von Sunnmøre, und er benutzt den Namen Hakatle-Stranden für das Gebiet, das sich "omtrent 1 Miil i længde fra Hundsnæss ved Vanelvsfjordens Aabning og hen til Gaarden Aaram"
<5> erstreckte. Strøm verwechselt hier wohl Hundsneset mit Flugevågneset, schließlich liegt letzteres eher an der Mündung des Vanylvsfjords, eine Meile von Åram entfernt. Strøm schreibt weiter: "Da det Navn Hakatle er et gammelt og endnu ikke ganske ubrukeligt Quinde-Navn hos os, saa kan man ikke vel tvivle paa, at jo denne Strand bærer Navn af en Quinde, som her i de ældre Tider maae have boet under Navn af Hakatle."<6>
In "Soga om Sande og Rovde", Band II, schreibt Bjarne Rabben, daß zu Strøms Zeiten wenig oder kein Zweifel daran herrschte, daß sich der Ortsname von dieser unbekannten Frau Hakatla schrieb. Und im Grunde genommen gibt es wohl keine Anhaltspunkte, die uns in dieser ältesten Zeitepoche, als der Name Hakallestrand aufzutauchen begann, anderswohin als zu Hakatla führen. Im Jahre 1891 gebraucht Amtmann Thesen die Schreibweise Hakatlestranden und Amund Helland schreibt in Norges land og folk, Romsdals Amt, im Jahre 1911 Haakatlestranden, ohne zu erwähnen, warum er diese Schreibweise wählte. In dem ältesten Geschichtswerk für Sande und Rove, Soga um Sande og Rove von Jakob Bjørlykke und Olav Liset aus dem Jahre 1935 schreibt Olav Riste "Etwas zu Hof- und Ortsnamen", und die einzige Grundlage, auf die er den Namen Hakallestrand zurückführt, ist unsere unbekannte und so oft gesuchte Hakatla. Riste erwähnt überhaupt nicht, daß es 1935 andere Ansichten zur Entstehung des Namens gab.

Der Name Hakatle und die Frau des Pfarrers
In dem großen Werk Norderlendske fyrenamn, erschienen 1988, gibt Eivind Vågslid seiner Ansicht Ausdruck, daß die Schreibweise des Frauennamens ursprünglich Hakatla gewesen ist. Die letzte Silbe soll etwas mit kjel
<7> zu tun haben - auf die gleiche Weise, wie das Wort mit dem Namen Kjetil etwas zu tun hat - und der Frauenname bedeutet danach "große Hausfrau" oder etwas derartiges. In der Schreibweise Hakatla hat Vågslid den Namen einmal im Vestland gefunden und zweimal genau in Sunnmøre - im 17. Jahrhundert.
Der Name Hakatla ist selten gewesen, welche unterschiedlichen Schreibweisen auch benutzt wurden. Ja, er war vermutlich so selten, daß eine Frau mit dem Taufnamen Hakatla ihren Namen durchaus einer ganzen Region geben konnte - besonders dann, wenn diese Frau mit einer nicht unbedeutenden Person verheiratet war.
Nun wollen wir uns schnellstens von den Namenstheorien ab- und der Kirchengeschichte zuwenden. Im Jahre 1589 wurden Vanylven und Syvde aus dem Pfarrbezirk Volda als eigenständige Bezirke ausgegliedert. Der erste Pfarrer, der hier wohnen sollte, war Hans Olson. Nach der Allgemeinen Landchronik von Haakon M. Fiskaa trat er sein Amt im Jahre 1602 an. So weit, so gut. Aber der Pfarrer heiratete. Und wen heiratete er? Jawohl - er heiratete eine Witwe namens Hakatle, die aus einer Bauernfamilie in Vanylven stammte. Mehr habe ich über die beiden nicht herausgefunden, abgesehen davon, daß er bis 1625 Pfarrer in Vanylven war.
Eine Sache soll noch in Zusammenhang mit dieser Geschichte erwähnt werden. Zu Vanylven gehörte damals der südliche Teil der jetzigen Gemeinde Sande, eingeschlossen Hakallestranda.
<8> Weil ich hier nun keine greifbaren Informationen mehr habe, will ich der Versuchung widerstehen, meine Phantasie zu benutzen und die Schlüsse in Worte zu fassen, die gleichsam auf der Hand liegen. Es soll reichen festzustellen, daß eine Frau, die zu damaliger Zeit aus einer Bauernfamilie in Vanylven stammte, sehr wohl von Hakallestrand sein oder zumindest Verbindungen haben konnte.

Ein älterer Ortsname?
Verglichen mit Namen wie Sande, Selja, Rovde, Syvde oder Vanylven scheint Hakallestrand ein ziemlich junger Name zu sein. Ein unbekannter und früherer Ortsname ist denkbar. Oluf Rygh schreibt in Norske Gaardsnavne, 1908, daß der Hof Rønnestad im 14. und 15. Jahrhundert Rønestrand oder Røynistrond genannt wurde. ... Bjarne Rabben denkt sich, daß Røynestrond vielleicht der frühere Name von Hakallestranda, oder dessen südlichen Teils, gewesen ist. Sollte das so sein, dann war der Name an einen Hof am südlichsten Ende des Gebietes geknüpft, und ein neuer Ortsname, sicherlich mit einem Bezugspunkt weiter nördlich, hätte wohl gewisse Aussichten gehabt, neben oder als Ersatz für den alten zu bestehen. Jedenfalls in der Theorie.
Rein gedanklich kann man sich also nach der wahrscheinlicheren Grundlage für den Namen fragen - Håkallen oder die rätselhafte Hakatla?
Ortsnamen, die an Personennamen geknüpft sind, sind nicht ungewöhnlich - zumeist Männernamen, aber nicht nur. Man findet zum Beispiel Eivindvik, Gudbrandsdalen und Olalida, und man findet Gunnhildsskjer, Karibukt und sogar Oleanatangen. So viel dazu. Schwieriger ist es vielleicht mit Håkallen. Es ist sicherlich nicht leicht, Beispiele dafür zu finden, daß Menschen weit weg gefahren sind, um einen Namen für ihre eigene Heimat zu finden, und dann einen Gebirgsnamen gewählt haben, der damals weder gebräuchlich noch bekannt war. Aber daß ein Gebirge in verschiedenen Gegenden unterschiedliche Namen haben kann, ist hingegen keine Besonderheit. Es gibt dafür viele Beispiele, auch in unserer Gegend.
Ja, nun mag die Grundlage für den Namen Hakallestranda sein wie sie will. Im Jahre 1922 wollte die Post die Schreibweise Håkatlestrand für den Postort einführen. Hiergegen wandte sich die Bevölkerung und fand Unterstützung in der Provinzverwaltung; diese meinte, wahrscheinlich zu recht, daß der eine Name nicht norwegischer als der andere sei. Die Post zeigte damals Einsicht und gab nach. Heute finden wir das Ortsschild Åram eine halbe Meile von dem Ort entfernt, der wirklich Åram heißt, und den Namen Hakallestrand findet man weder bei der Post noch in der Schulverwaltung mehr. Das letzte Wort hierüber ist gleichwohl noch nicht gesprochen.
...


<1> Håkallen og Kjerringa - og Hakallestranda, Segn og Soge Nr. 17 (1993), 41 ff. [Zurück]
<2> varde, vete = Warte, (seem.) Bake. [Zurück]
<3> Die Überschriften in dieser Darstellung sind jeweils durch den Verfasser hervorgehoben. Sonstige Hervorhebungen der besseren Lesbarkeit halber durch mich. [Zurück]
<4> "Großer Mann". [Zurück]
<5> "ungefähr eine Meile lang von Hundsnæs an der Öffnung des Vanelvsfjords bis zum Hof Aaram". [Zurück]
<6> "Da der Name Hakatle ein alter und doch nicht ganz ungebräuchlicher Frauenname ist, kann man wohl nicht daran zweifeln, daß dieser Strand den Namen einer Frau trägt, die hier in alten Zeiten unter dem Namen Hakatle gewohnt haben muß." [Zurück]
<7> Kessel, Topf. [Zurück]
<8> Dieser historische Zustand kann sehr wohl wiederhergestellt werden. Seit geraumer Zeit sind nämlich Bestrebungen im Gange, den auf dem Festland gelegenen Teil von Sande der Gemeinde Vanylven zuzuordnen - aus sehr praktischen Erwägungen heraus: Natürlicher Orientierungspunkt für die Bewohner Hakallestrandas ist Fiskå. Wer einkaufen will, zur Post, Bank oder zum Arzt muß, fährt eher in das 15 km entfernte Zentrum der Gemeinde Vanylven, als daß er nach Åram und weiter mit der Fähre nach Larsnes reist. Dorthin muß er aber in jeder Behördenangelegenheit, weil er nun einmal in der Gemeinde Sande ansässig ist - ein Umstand, der insbesondere älteren Menschen Schwierigkeiten bereitet, denn auch das kommunale Seniorenheim liegt dort; gleichermaßen Umstand für Bewohner und Besucher. Vor diesem Hintergrund lag es nahe, eine Gemeindereform anzustreben, doch was sich daraus entwickelte, trägt stellenweise kabarettistische Züge und bedarf einer eigenen Seite, die ich später wohl noch schreiben werde. In aller Kürze: Vor etwa zwei Jahren fand eine Befragung der Einwohner beider Gemeinden zu diesem (wie sich herausstellen sollte sehr brisanten) Thema statt und erbrachte eine klare Mehrheit zugunsten Vanylvens. Damit wollte sich der Bürgermeister von Sande, der um seine Einwohnerzahl bangen mußte, nicht abfinden, und schaltete über die Fylkesregierung in Molde das Parlament in Oslo ein. Dort wurde die Gemeindereform zunächst zwar gutgeheißen, doch wechselte kurz darauf der für Kommunalangelegenheiten zuständige Minister. Dies veranlaßte die Reformgegner, die sich um den Bürgermeister von Sande herum gruppiert hatten, einen neuen Vorstoß zu machen. Seitdem ist die ganze Angelegenheit bis auf weiteres zum Stillstand gekommen - nur in der Bevölkerung brodelt es weiter. Die Antwort auf die Frage "Bist Du für oder gegen Vanylven?" kann darüber entscheiden, ob man eine angenehme Plauderstunde verbringen darf oder aber in heftige Streitgespräche hineingezogen wird. Sogar dauerhafte Familienzwiste habe der "Gemeindekrieg" schon ausgelöst, hat man mir glaubhaft versichert. [Zurück]

Erstellt: 29. August 2000 - Letzte Änderung: 18. November 2000